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Full text of "Babel und Bibel; ein Rücklick und Ausblick"

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Bib.Lit Delitzsch Friedrich 
D Babel und Bibel; ein Rück- 

blick und Ausblick. 




PRINCIPAL 

W. R. TAYLOR 

COLLECTION 

1951 



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Babel und Bibel 



ein 



Rückblick und Ausblick 



VON 



Friedrich Delitzsch 



DRITTES TAUSEND 




Stuttgart 
Deutsche Verlags-Anstalt 

1904 



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Babel und Bibel 



ein 



Rückblick und Ausblick 



VON 



Friedrich Delitzsch 



DRITTES TAUSEND 




523015 

zs. s.^f 



Stuttgart 
Deutsche Verlags-Anstalt 

1904 



Papier und Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart 



d^tein erster Vortrag über „Babel und Bibel" fasste, 
c^y^ m rt Ausschluss der Abbildungen, etwa 30, der 
zweite 29 Seiten kleinen Oktavs, und als ich mich im 
September des Jahres 1903 für kurze Zeit nach London 
zurückzog, packte ich an deutscher „Babel und Bibel "- 
Literatur, nach Ausscheidung alles völlig Wertlofen, circa 
1350 kleinere und über 300 grosse Zeitungs- und Zeit- 
schriftsartikel, dazu 28 Broschüren ein, eine nicht zu 
bewältigende Fülle ausländischer Zeitungsausschnitte 
zurücklassend. Und die Briefe, die ich infolge beider Vor- 
träge erhielt, umspannen die ganze Erde, von Kalkutta 
bis an „die letzte Farm der Prärien Kaliforniens" und von 
Norwegen bis zur Kapstadt. Aus allen Ständen, hohen 
wie niedrigen, dauern die brieflichen Aeusserungen 
unausgesetzt bis heute fort. Beide Vorträge wurden 
ins "Englische, Italienische, Dänische, Schwedische, 
Tschechische, Ungarische übersetzt. Die „Babel und 
Bibel "-Bewegung hat die ganze, für religiöse Dinge sich 
interessierende Menschheit ergriffen, sie hält zum Leid- 
wesen gar vieler, die schon ein Requiescat in pace 
ihr nachgerufen und eine „Leichenpredigt" auf sie ge- 
halten hatten 1 ), nicht allein noch immer ungeschwächt 
an, sondern wird, wie selbst von evangelisch-theo- 
logischer Seite offen zugestanden wird, „früher oder später 



noch einmal sich kräftig erheben, da der Kampf noch 
nicht vollständig ausgetragen ist" 2 ) — und bei alledem 
enthielten beide Vorträge, wie meine christlichen und 
jüdischen Kritiker bis zur Ermüdung eintönig versichern: 
„nichts Neues", boten sogar das Alte „nicht einmal 
in besonders geistvoller Form". 

Wir stehen hier offenbar vor einer seltsamen, rätsel- 
haften Erscheinung, die einer ruhigen Prüfung wohl 
wert scheint. 

Mir persönlich ist die Zensur „nichts Neues" nur 
willkommen. Denn wer mich kennt, wird gern bezeugen, 
dass mir nichts mehr zuwider ist, als in die breite 
Oeffentlichkeit zu geraten. Es hat ja auch wahrlich für 
einen religiös gesinnten Mann nichts Verlockendes, Monate 
hindurch aus dem evangelischen und jüdischen Lager, 
selbst von christlichen Frauen, mit einer Menge meist 
anonymer Schmähbriefe heimgesucht zu werden. Aber 
warum in aller Welt alle diese Verunglimpfungen und 
Anklagen, da doch die Theologen von Fach, Professoren 
und Pastoren, dazu die Keilschriftforscher allesamt 
übereinstimmend versichern, dass meine Vorträge „nichts 
Neues", „absolut nichts Neues" enthielten? 

Ich weiss nicht, ob das Urteil „nichts Neues" so 
ganz den Tatsachen entspricht. Ich entsinne mich zum 
Beispiel nicht, ob je die Brücke geschlagen worden 
wäre von der alttestamentlichen Vorstellung einer alle 
Menschen (ausser Henoch und Elias) gleicherweise ver- 
schlingenden, unendlich trübseligen Scheol zu der neu- 
testamentlichen (und spätjüdischen) Unterscheidung von 
Hölle und Paradies, da ja die kleinen babylonischen 
Sargurkunden, die Getränktwerden mit klarem Wasser 
als eine besondere Belohnung und Segnung im Jenseits 
verheissen, erst seit 1901 bekannt sind. Ich erinnere 
mich auch nicht, dass die alten keilschriftlichen Namen 



— 5 — 

Ia've-ilum, Ia'um-ilum, deren Bekanntgabe in beson- 
derem Masse mitgewirkt hat, die Welt in Flammen zu 
setzen, über den allerengsten Kreis etlicher Assyriologen 
und Theologen hinausgedrungen wären, wie denn die 
betreffenden Urkunden überhaupt erst 1898 und 1899 
vom Britischen Museum veröffentlicht worden sind. 
Und wie hätte gar vor Januar 1903 eine Parallele 
zwischen der Offenbarung der mosaischen Gesetze durch 
Jahve mit der Offenbarung der Hammurabi-Gesetze 
durch Samas gezogen werden können , da die letzteren 
doch erst im Oktober 1902 von den französischen Ent- 
deckern herausgegeben wurden? Indessen, ich füge 
mich dem Verdikte der „kompetentesten" Beurteiler: 
„nichts Neues" ohne Widerstreben und begnüge mich 
gern mit dem Verdienst, etwas zur Verbreitung alter 
Erkenntnisse und Funde beigetragen zu haben, dies 
um so lieber, als ich nun hundert „kompetente" Zeugen 
gegen die Verdächtigungen aller derer habe, die, wie 
zum Beispiel die Gefolgschaft eines liberalen Theologen, 
nicht müde werden, mich der „Sensationssucht" zu zeihen. 
Denn wie man mit alten, noch dazu ohne geistige 
Würze aufgewärmten Geschichten in einer Zeit wie der 
unsern Sensation machen will, ist nicht zu begreifen. 
Gewiss haben äussere Umstände, die um der Sache willen 
andauernd mit grösster Dankbarkeit begrüsst werden 
müssen, beiden Vorträgen eine Art „sensationellen" 
Charakters verliehen, aber ich selbst weiss mich von 
aller und jeder Sensationssucht vollkommen frei. 

Jedoch noch schwebt die Frage, wie es möglich 
gewesen, dass das von mir Vorgetragene, worunter 
sich unbestritten vieles nicht Neue befand, eine solche 
Erregung unter den Laien und solchen hochgradigen 
Eifer bei den Theologen auswirken konnte. Es wird, 
scheint mir, nur dadurch erklärbar, dass einerseits für 



Ipte 



— 6 — 

die überwältigende Mehrheit der „Laien" bis in die 
höchsten Kreise hinauf jenes für die Fachmänner „Alte" 
etwas völlig Unbekanntes, ja überraschend Neues dar- 
stellte, und dass andrerseits engere oder weitere Theo- 
logenkreise, die bis dahin aus irgendwelchem Grunde 
noch nicht Gelegenheit genommen hatten, den Laien 
die „alten" theologischen und assyriologischen Erkennt- 
nisse zu vermitteln und über ihre zwingenden Kon- 
sequenzen gebührend aufzuklären, plötzlich höchst 
unliebsam aus ihrer bequemen Ruhe aufgeschreckt 
wurden. Und zwar zeigt sich immer klarer, dass diese 
Aufregung wohl auch durch die von mir vorgetragenen 
Resultate der babylonisch -assyrischen Ausgrabungen, 
jedoch in mindestens gleichem Masse durch die von 
mir als bekannt vorausgesetzten Ergebnisse der alt- 
testamentlichen Literar-, speziell Pentateuchkritik hervor- 
<A v\t gerufen ist. Dass die jüdische Theologie, die an dem 
göttlichen und darum kritisch unanfechtbaren Charakter 
der Thora aus nationalen Gründen um jeden Preis fest- 
hält 3 ) und deshalb die mit dem Namen Johannes Well- 
hausen unzertrennlich verknüpften, jetzt in der Tat bald 
„alt" zu nennenden Errungenschaften der alttestament- 
lichen Wissenschaft prinzipiell ignoriert, muss man ja 
leider begreiflich finden. Aber auch der evangelischen 
Kirche, und zwar durchaus nicht bloss jener der starr 
orthodoxen Richtung, möchten Ober- wie Unterhirten 
jene Erkenntnisse am liebsten ganz vorenthalten. Sym- 
ptomatisch bleibt jener Brief eines evangelischen Pfarrers 
des Moselgebietes (vom 21. April 1902), der schon früher 
von mir im Auszug mitgeteilt wurde, aber hier noch 
einmal erwähnt sei, zumal da er nur einer von vielen 
gleichartigen ist. „Ihr entzückendes Büchlein" (gemeint 
ist der erste Vortrag) „würde sich so eignen zum Vor- 
lesen im Familienkreise, zur Anschaffung von Volks- 






— 7 — 

und selbst Schülerbibliotheken. Aber dann müßte 
der Passus über Pentateuchkritik und einiges 
andre fallen. Damit wissen doch unsre Frauen und 
Kinder nichts anzufangen. Sie meinen vielmehr, es 
sollte ihnen der Bibelglaube und womöglich aller Glaube 
da plötzlich angegriffen werden. Würden Sie nicht etwa 
auf die Schwachen soviel Rücksicht nehmen, eine neue 
Auflage für sie zu veranstalten?" Fürwahr, ein be- 
fremdendes Ansinnen an einen Gelehrten, eine seit 1753 
erkannte und seitdem von allen evangelischen und 
katholischen wissenschaftlichen Theologen anerkannte 
Wahrheit noch im 20. Jahrhundert totzuschweigen, die 
Parallelen von Babel und Bibel laut zu verkünden, wo 
sie die Bibel besser verstehen lehren oder bestätigen, 
dagegen alles das auszuscheiden, was zum Nachdenken 
über althergebrachte Anschauungen anzuregen berufen 
ist. Als ob Schwachheit, Halbheit, Unwahrhaftigkeit 
den Siegeszug der Wahrheit, die doch von Gott ist, 
dauernd zu hemmen vermöchten! 

Als der Vorstand der Deutschen Orient-Gesellschaft 
im Winter 1901/1902 das von mir neben anderen vor- 
geschlagene Vortragsthema „Babel und Bibel" gewählt 
hatte, ging ich sofort daran, den überreichen Stoff, den 
ich unter dem Namen „Die Keilschriftdenkmäler -und 
das Alte Testament" seit mehr als zwanzig Jahren im 
akademischen Unterricht (zwei, ja drei Stunden wöchent- 
lich) vortrage, in drei Vorträge zu destillieren, und zwar 
so, dass ein jeder von ihnen äusserlich, soweit dies 
möglich, ein abgeschlossenes Ganzes darstelle. Dass 
diese Aufgabe keine leichte war, wird jeder Sach- 
verständige zugeben, zumal wenn er bedenkt, dass ich auf 
einen Zuhörerkreis von Gebildeten der verschiedensten 
Konfessionen und religiösen Standpunkte bedacht sein 
musste (die liberalen Theologen urteilen nicht selten so 



kurzsichtig, weil sie wähnen, sie wären allein auf der 
Welt); dass die einzelnen Vorträge in ihrer Zeitdauer 
begrenzt waren, und dass Disposition und Gestaltung 
des Stoffes so geartet sein mussten, dass die Zuhörer 
angeregt, gefesselt wurden, nicht etwa gelangweilt und 
eingeschläfert. Wer diese drei Punkte sich klar macht, 
wird in Zukunft auf manchen mir gemachten, ebenso 
unbesonnenen wie ungerechten Vorwurf, wie zum Bei- 
spiel, dass ich nicht gründlich genug gewesen sei, 
frühere Gelehrte nicht zitiert habe und dergleichen, gewiss 
gern Verzicht leisten. Was aber das knapp und klar 
formulierte Thema „Babel und Bibel" selbst angeht, so 
hatte dieses zur Bedingung, dass ich auf beiden Gebieten, 
dem keilschriftlichen wie althebräischen, nach dem 
gegenwärtigen Stande der Wissenschaft bewandert und, 
wenngleich nicht Theologe von Fach, dennoch in den 
Quellenschriften der theologischen, näher: alttestament- 
lichen Wissenschaft genügend zuhause bin, um ein 
selbständiges Urteil zu haben. Es vernotwendigte weiter, 
da das Alte Testament Juden wie Christen als ein religiöser 
Kanon gilt, dass ungewollt und ungesucht auch religiöse 
Fragen berührt wurden. Es beschloss aber endlich in 
sich die Pflicht, dass ich, vor welchem Hörerkreis immer 
ich die Ehre hatte zu sprechen, mich streng an die 
nach menschlichem Ermessen gesicherten Ergebnisse 
der Wissenschaft hielt und der Wahrheit die Ehre gab, 
treu dem Gelöbnis, das ich als junger Doktor getan: 
„zeitlebens die Sache der Wahrheit freimütig zu 
vertreten und tapfer zu verteidigen". So kam es, dass 
ich von der Quellenscheidung innerhalb des Pentateuchs 
und anderem als etwas Bekanntem und wissenschaftlich 
allgemein Anerkanntem sprach, und ich muss mich nun- 
mehr gegenüber dem Anstoss, den ich da und dort erregt 
habe, mit der Hoffnung trösten, es möge mir durch 



meine Vorträge gelungen sein und auch fernerhin ge- 
lingen, dazu mitzuwirken, dass es — vielleicht — nach 
zwei Seiten hin endlich besser werde. 

Ich meine zunächst das Verhältnis von Kirche 
und theologischer Wissenschaft. In seiner 
Schrift Israel und Babylonien S. 3 äussert Professor 
Gunkel: 

„Zugleich wurden die kirchlichen Kreise in starke Er- 
regung versetzt. Delitzsch hatte sich zu den Ergebnissen 
der modernen alttestamentlichen Forschung bekannt, er hatte 
z. B. die Behauptung, dass die fünf Bücher Mosis aus sehr 
verschiedenartigen Quellenschriften zusammengestellt sind, 
als eine wissenschaftlich unerschütterlich feststehende Tat-_ 
sache bezeichnet. Er hatte für gewisse, allbekannte Stücke 
der Traditionen Israels, besonders die Erzählungen von der 
Schöpfung, von der Sintflut, auch vom Paradiese, altbaby- 
lonischen Ursprung behauptet und damit sich zu der Meinung 
bekannt, dass diese Erzählungen als Mythen und Sagen, 
aber nicht als objektive Schilderung wirklicher Begebenheiten 
aufzufassen seien. Auch der Sabbath sei babylonischen 
Ursprungs . . . Auch mit diesen Aufstellungen hatte Delitzsch 
nicht viel mehr gesagt, als was in den Kreisen der Forscher 
allgemein anerkannt oder wenigstens erwogen worden ist. 
Trotzdem wirkten seine Worte auf viele in der Gemeinde 
wie ein Donnerschlag . . . Der Haupterklärungsgrund dieser 
Wirkung ist die leider unleugbare Tatsache einer be- 
jammernswerten Entfremdung der evangelischen 
Kirche von der evangelischen Wissenschaft. 
Wie wenige unter den Gebildeten in der Gemeinde, ja auch 
unter den älteren Geistlichen haben eine deutliche Vor- 
stellung davon, was in der wissenschaftlichen Theologie der 
Gegenwart eigentlich vorgeht! Und wie wenig von unsern 
Resultaten ist bisher in die Lehrerseminare eingedrungen! 
So konnte es geschehen, dass diese biblisch-babylonischen 
Forschungen, als sie mit einem Male aktuell wurden, die 
Gemeinde überraschten und viele wehrlos fanden." Vergl. 
S. 40, wo der Kirche und Schule Vorwürfe gemacht werden, 



— 10 — 

weil sie ,die theologische Wissenschaft und ihre gesicherten 
Resultate leider so lange ignoriert' haben." 

Und Lic. theol. Dr. Julius Böhmer, Pfarrer in 
der Mark, sagt zum Schluss seiner Artikel-Serie : Das Alte 
Testament im Lichte mesopotamischer Ausgrabungen 
(Die Studierstube, I. Jahrgang, Heft 8, S. 372 ff.) : 

„Delitzsch hat einen bestehenden Schaden angerührt, 
der unheilvoll zu werden droht, wenn ihm nicht bald seitens 
der Kirche, das ist der Christenheit selber, der gläubigen 
Gemeinde gewehrt wird, einen Schaden auf heiligem Lande, 
im Gebiet des Bibelglaubens selber. Dieser Schade ist es 
auch, wenigstens zu einem guten Teil, der bisher der Ver- 
ständigung derer von hüben und drüben, aufrichtig frommer 
Christen, ehrlich suchender Seelen von der rechten und 
linken Seite im Wege stand. Der Schade ist, kurz gesagt, 
dieser, dass die Bibelforschung im Laufe des neunzehnten 
Jahrhunderts unter sichtbarer Leitung des allweisen, gnädigen 
Gottes grosse und grossartige Fortschritte gemacht hat, und 
dass diese Fortschritte nicht der gläubigen Ge- 
meinde zu Nutz und Dienst fruchtbar gemacht 
worden sind. Es handelt sich hier vorläufig nicht um 
Arbeiten einer ungläubigen, destruktiven, radikalen, bösen 
Kritik. Es handelt sich um Bemühungen und Ergebnisse, 
die allen wissenschaftlich arbeitenden Theologen, wenigstens 
soweit sie in deutschen Landen berufsmässig theologische 
Forschung betreiben, also ein akademisches Lehramt inne- 
haben, die also allen bis hin zu den am weitesten rechts 
oder positiv oder gläubig Stehenden gemeinsam sind. 
Gleichwohl weiss die Gemeinde der gläubigen 
Christen amtlich nichts von allem dem; die kirch- 
liche Lehre, Unterricht, Predigt, Religionsbücher u. s. w. sind 
in weitem Massstabe so gehalten, als sei die wissenschaftliche 
Bibelforschung des abgelaufenen Jahrhunderts einfach nicht 
vorhanden oder gar mehr oder weniger vom Teufel geleitet 
worden. Hier gilt in der Tat, dass Delitzsch den Finger 
in eine brennende Wunde am Leibe der Kirche 



— 11 — 

gelegt hat . . . Und wenn er damit Anstoss gegeben hätte, 
die Wunde herzhaft anzusehen und ihre Heilung in die 
Wege zu leiten, zur Genesung, nicht zur Verdeckung und 
weiteren Vereiterung behilflich zu sein, so wären wir ihm 
vielen Dank schuldig." 4 ) 

All das ist sehr schön und wahr. Möchten nur 
den Worten Taten folgen ! Und möge man dabei nicht 
vergessen, dass es innerhalb der alttestament- 
lichen Wissenschaft noch zwei andere an- 
erkannte Tatsachen gibt, welche die Theologie bis 
jetzt ebenfalls noch nicht genügend bekannt gegeben 
hat, ohne zu bedenken, dass damit den sich für religiöse 
Fragen interessierenden Laien die allerwichtigsten Grund- 
lagen für ein Verständnis des Werdegangs der alt- 
testamentlichen Religion und der richtigen Würdigung 
des Christentums vorenthalten werden. 

Sodann meine ich das Verhältnis von Kirche 
und Schule. Pueris debetur maxima reverentia, 
„den Kindern wird die grösste Ehrerbietung geschuldet". 
Wie grell sticht hiergegen ab die aus allen Gauen 
unseres deutschen Vaterlandes erklingende Klage ernster 
und urteilsfähiger Schulmänner: „Ein Religionsunter- 
richt, wie er zurzeit betrieben werden muss, kann nicht 
Herz und Gemüt bilden, sondern muss jedes denkende 
Kind anwidern." So dankenswert das nur allzu be- 
rechtigte scharfe Urteil Adolf Harnacks gewesen, dass 
„Trägheit und Angst" die Verwertung der besseren Er- 
kenntnisse betreffs der Entstehung des alttestamentlichen 
Schrifttums bisher niedergehalten hätten, so wenig bedacht 
und berechtigt scheint mir der Vorwurf, den Harnack mit 
Bezug auf solche Rückständigkeit der S c h u 1 e macht. In 
diesem Punkte urteilt, wie ich glaube, ungleich gerechter 
Budde (Das Alte Testament und die Ausgrabungen, 
2. Aufl., S. 2), wenn er von der „Zusammensetzung 



— 12 — 

der fünf Bücher Mose aus einer Reihe sehr ver- 
schiedener Quellenschriften, der Abhängigkeit grosser 
Abschnitte der biblischen Urgeschichte, als da sind 
Schöpfung, Sintflut, Sethitentaf el , von babylonischen 
Mythen r der Vergeblichkeit aller Versuche, unsre bib- 
lische Weltschöpfungserzählung mit den Ergebnissen 
der Naturwissenschaft in Einklang zu bringen" als von 
Wahrheiten spricht, „die uns völlig in Fleisch und 
Blut übergegangen sind, aber von den leitenden 
kirchlichen Kreisen vielfach noch als schwere 
Ketzereien verpönt werden." Die Schule möchte 
ja so gerne ihre Schwingen regen und einen höheren 
Flug nehmen, möchte — um einstweilen nur die „Ur- 
geschichten" zu erwähnen — aus der Quellenscheidung 
innerhalb des Pentateuchs, aus dem Nachweis je 
zweier, einander ausschliessender Erzählungen von der 
Schöpfung der Welt und des Menschen, von der Sint- 
flut u. s. w. die Konsequenz ziehen und den Religions- 
unterricht gereinigt sehen von den überwundenen, alt- 
orientalischen Anschauungen bezw. Erzählungen der 
Schöpfung der Welt in 7 Tagen, der Erschaffung des 
Menschen aus Ton und Einhauchung des Lebensodems 
in die Nase, der Bildung des Weibes aus einer Rippe 
des Mannes, von den 10 Urvätern, der Flut, die die 
Gipfel der höchsten Berge der Erde 15 Ellen hoch über- 
stieg, von der alle Lebewesen in sich aufnehmenden 
Arche Noä u. dergl., alles Sagen, deren Ausscheidung 
„die Grundlagen des Christentums", wie man wähnt, ganz 
gewiss nicht erschüttert. Aber obschon gerade die evange- 
lische Kirche die Wahrheit niemals zu fürchten braucht, 
so konnten sich doch diejenigen kirchlichen Kreise, von 
denen aus die Schule regiert wird, zu einer entschiedenen, 
auf alle Halbheiten und Kompromisse verzichtenden 
Stellungnahme bisher nicht entschliessen. Und doch 



— 13 — 

kann nur die Wahrheit — die ganze und unverschleierte 
— frei machen. 

Aus diesem Grunde mag hier vor einer recht ab- 
sonderlichen Variation über das Thema „nichts Neues" 
ausdrücklich gewarnt sein. In einem Schlusswort zu 
„Babel und Bibel" (Evangelische Kirchenzeitung für 
Oesterreich, 20. Jahrgang, Nr. 14, vom 15. Juli 1903) 
sagt Professor S ellin -Wien: 

„ . . . Oder wollen wir richten, anklagen? Anklagen ja- 
wohl, aber nur uns selbst, die Theologen, die Kirche! Das 
was an den Vorträgen von Delitzsch zweifellos wahr und 
richtig ist, nämlich dass auch in der alttestamentlichen 
Literatur wie im israelitischen Volksleben ausländische Ein- 
schläge und Einflüsse zu konstatieren sind, dass Israels 
Religion und Sittlichkeit nicht von vornherein fertige waren, 
sondern sich allmählich geschichtlich entwickelt haben, das 
hat die Theologie seit mindestens 100 Jahren 
gelehrt. Aber sie hat's zu sehr bemäntelt, ist zu leise 
aufgetreten, hat immer die Scheu gehabt, ,Gläubigen' Aergernis 
zu geben. Und nun haben sie's von einer anderen Seite 
hören müssen, dass es ihnen in die Ohren gellte." 

Mir scheint, dass hier im selben Atemzug die 
Bemäntelung ebenso kräftig getadelt als kräftig weiter 
gepflegt wird. Ich möchte wahrlich den Beweis er- 
bracht sehen, dass die „ausländischen Einschläge und 
Einflüsse" in Israels Religion und Kultur, die der 
Theologie „seit mindestens 100 Jahren" bekannt sind, 
auch nur entfernt verglichen werden können den „Ein- 
schlägen und Einflüssen", welche die Wiederentdeckung 
des babylonisch-assyrischen Altertums und die Ent- 
zifferung der Keilschrift ans Licht gebracht hat. Man 
kann sich bei diesen, in Sellins Auslassungen stereotyp 
wiederkehrenden „mindestens 100 Jahren" nachgerade 
eines Lächelns nicht erwehren. Hätten die Theologen 
vor 100 Jahren zu dem biblischen Schöpfungs- und 



— 14 — 

Sintflutbericht nicht nur die berosseischen Erzählungen 
(um 280 v. Chr.) zur Verfügung gehabt, die man ja so 
gern aus dem Alten Testament „abgeschrieben" sein 
Hess, sondern die jetzt vorliegenden, schon um 2300 
v. Chr. schriftlich fixierten keilschriftlichen Parallelen; 
hätten sie gesehen, wie die israelitischen Propheten und 
Dichter die Grosstat eines solchen „Nichtses" von 
Gott wie Marduk, nämlich die Entzweischneidung des 
Drachen Tihämat, unbesehen auf Jahve übertrugen; 
hätten sie gewusst, dass auch die Babylonier-Assyrer 
einen „Tag Gottes", den „Sabbathtag" (um sabattim 
oder sabattu), hatten, und wären sie in der Lage ge- 
wesen, zum sogenannten Bundesbuche der mosaischen 
Gesetze den Gesetzeskodex Hammurabis zu vergleichen; 
wäre ihnen weiter bekannt gewesen, dass die Vor- 
stellungen vom Leben nach dem Tode in Babel wie in 
Israel sich gleichen wie ein Ei dem andern; dass die 
Babylonier von dem nämlichen tiefen Gefühl mensch- 
licher Sündhaftigkeit durchdrungen waren wie Israel 
und in ihren auch äusserlich den hebräischen Psalmen 
vergleichbaren religiösen Dichtungen die nämlichen er- 
greifenden Töne menschlicher Ohnmacht, gänzlicher 
Abhängigkeit von Gott, tiefer Sehnsucht nach Erlösung 
und festen Vertrauens auf die göttliche Gnade an- 
schlagen; hätten sie die ganze erdrückende Fülle der 
babylonisch-biblischen Parallelen in Denk-, Rede- und 
Anschauungsweisen auch bezüglich der „Auserwähltheit" 
und der persönlichen Gottesoffenbarungen so klar über- 
sehen wie wir; wäre ihnen beschieden gewesen zu er- 
kennen, was in meinem Schlussvortrag gezeigt werden 
wird, wie die sittlich-religiösen Forderungen der edlen 
Gerster Babyloniens sich vollkommen decken mit jenen 
der edlen Geister Israels, so hätten die grossen Theo- 
logen „vor 100 Jahren" überhaupt nicht länger bloss von 



— 15 — 

„ausländischen Einschlägen und Einflüssen in der alt- 
testamentlichen Literatur und im israelitischen Volks- 
leben" gesprochen, sondern hätten wohl längst schon, 
dankbar für diese neuen, denMenschen von Gott bescherten 
Erkenntnisse, einer höheren und freieren Anschauung 
von Gottes Walten in der Geschichte die Wege geebnet, 
als jener, die noch heute Juden und Christen gemeinfam 
gefangen hält. — Auch wenn Seilin das Verhalten der 
Kirche gegenüber der Schule in Schutz nimmt, seine Augen 
verschliessend vor dem „gegenwärtigen herben Notstand, 
unter dem gerade die Bibelfreunde, vornehmlich die Lehrer 
leiden", so danken wir doppelt denjenigen Theologen, die, 
wie z. B. Pfarrer Böhmer (a. a. O., S. 373 f.) im Anschluss 
an Walthers Bibelwort und Bibelwissenschaft (Berlin 
1903), frei und offen „die unermessliche Schwierigkeit" 
anerkennen, „die in der Gegenwart der Zwiespalt 
zwischen der aus vergangenen Zeitaltern überkommenen 
dogmatischen und der in der Neuzeit begründeten 
geschichtlichen Behandlung der Schrift herbeiführt" , 
und die wenigstens einen Anfang zur Besserung machen 
mit der Forderung: „Die Bibelwissenschaft als solche 
hat entschieden in der höheren Schule ihr Recht, weil 
diese eben wissenschaftlichen Unterricht erteilt". „Straf- 
bar das Verfahren derer, die Tradition und Trägheit höher 
achten als die Wahrheit und Verkennung-leiden." 

Indes, wie immer die Variationen des Themas 
„nichts Neues" lauten mögen — das müssen sie doch 
alle, willig oder unwillig, offen oder gewunden, zu- 
geben, dass sich bei ein klein wenig Aufrichtigkeit und 
Mut zugleich selbst mit Vortragen von „Altem" über- 
raschend viel Gutes stiften lässt, wenn anders das Alte 
wahr und probehaltig ist. Und dass dies gleich 
den Resultaten der alttestamentlichen Literarkritik auch 
meine assyriologischen Aufstellungen sind, wird jetzt, 



— 16 — 

bei allmählich wiederkehrender Ruhe, Besonnenheit und 
Objektivität, in immer weiteren Kreisen meiner Gegner 
eingesehen und langsam auch öffentlich zugestanden. 
Freilich nur das, was ich gesagt und in dem Masse, 
wie ich es gesagt, bleibt unumstösslich, nicht das, was 
man mir unterschiebt, um „eine Sache an mir zu 
haben". Denn, um diesen Hauptpunkt vorweg zu 
nehmen, drei Viertteile alles dessen, was gegen „Babel 
und Bibel" von Christen und Juden geschrieben worden 
ist, bis herab zu den jüngsten Drölerien Jules Opperts, 
war die Druckerschwärze nicht wert, indem es sich 
gegen eine Behauptung von mir wendete, die ich nicht 
nur nicht getan, sondern mit unzweideutigen Worten 
nachdrücklichst zurückgewiesen habe — ich meine die 
Anklage, dass ich den Monotheismus Israels aus Babylon 
herleite, eine Verdächtigung, die so recht geeignet war, 
die berüchtigte rabies theologorum in ihrer ganzen 
grenzenlosen Leidenschaftlichkeit evangelischer- wie 
jüdischerseits zu entfesseln. Es ist in der Tat unver- 
antwortlich, dass ein Professor der evangelischen Theo- 
logie, der „Hauptrufer im Streit" Eduard König in 
Bonn, gleich im Anfang des Babel-Bibel-Kampfes, als 
ich, fern von Deutschland, von allem literarischen Ver- 
kehr abgeschnitten war, infolge vollkommenster Un- 
wissenheit auf dem Gesamtgebiete babylonischer For- 
schung jene törichte Anklage erhob, ja, dass er auch 
jetzt noch (10. Aufl., S. 37), unfähig oder zu trag, sein 
Schriftchen „Bibel und Babel" entsprechend zu ändern, 
trotz meiner Richtigstellungen fortfährt, ein Kapitel zu 
überschreiben: „Stammt der alttestamentliche Mono- 
theismus aus Babylonien?" Und wie es der Fluch 
der bösen Tat ist, dass sie fortzeugend Böses muss 
gebären, hat diese ungeheuerliche Verdrehung der Tat- 
sachen selbst ernste und besonnene Männer derart 



— 17 — 

hingerissen, dass sie, ohne auf meine, jedes Missverständ- 
nis, jede Missdeutung ausschliessenden Worte Rücksicht 
zu nehmen, in das von König ausgegebene Feld- 
geschrei mit einstimmen, also dass sogar Gunkel noch 
am 10. November 1903 die tatsächlich unwahren Worte 
drucken lassen konnte 5 ), dass ich „den babylonischen 
Monotheismus mit lauter Stimme verkündet" habe. Das 
alles mag ertragen werden. Beklagenswerter bleibt es, 
dass sogar Assyriologen , die doch den wahren Sach- 
verhalt ganz genau kennen, jene Spiegelfechterei nach- 
machten, also dass der eine durch die deutschen Städte 
hindurch mit emphatischen Worten verkündete, dass 
„Israel seine monotheistischen Anschauungen nicht aus 
dem Ungeheuern Leichenberg Babyloniens bezogen 
habe", oder dass „der Monotheismus Israels nichts 
mit dem Polytheismus Babylons zu schaffen habe", 
und ein andrer gegen mich hervorheben zu sollen 
meinte, dass „von Monotheismus in Babylonien keine 
Spur zu finden" sei. 

Geraume Zeit nach der Veröffentlichung meines 
zweiten und ein Jahr nach der meines ersten Vortrages 
besuchte mich im Berliner Museum ein alter würdiger 
Geistlicher. Er ergriff zitternd meine Hand mit dem 
Bemerken, dass ich durch meine Beschäftigung mit dem 
orientalischen Altertum so recht berufen sei, ein Ver- 
künder und Verteidiger der ewigen Heilswahrheiten zu 
werden, und hielt mir, Tränen in den Augen, eine 
Predigt, die zu unterbrechen unmöglich war. Erst als 
seine Worte mir Anschauungen insinuierten, die den 
meinigen schnurstracks zuwiderlaufen, sprang ich auf 
und fragte : „Aber, Herr Pfarrer, haben Sie denn meine 
Vorträge überhaupt gelesen?", worauf er mit dem ganzen 
Pathos, wie wir es häufig bei Kanzelrednern finden, 
erwiderte: „Nein, gelesen habe ich sie nicht, aber 

Delitzsch, Babel und Bibel. Rück- und Ausblick. 2 



— 18 — 

ich weiss, was Sie wollen." Natürlich war damit dem 
Gespräch ein jähes Ende bereitet. 

Ganz ebenso oder ähnlich steht es mit allen denen, 
die behaupten, dass ich den Monotheismus Mosis und 
der Propheten aus Babylonien entlehnt sein lasse, oder 
wie immer man sonst sagen mag. Wie lauten meine 
diesbezüglichen Worte? 

„Und damit sei mir ein letztes Wort verstattet zu dem, 
was die weltgeschichtliche Bedeutung derBibel 
ausmacht: dem Monotheismus" (I, 1. Ausg. S. 44, 4. Ausg. 
S. 44). 

„Die Religion der in Babylonien zugewanderten Kanaa- 
näerstämme (bezw. Semiten) ging dort rasch unter in dem 
seit Jahrhunderten daselbst eingebürgerten 
Polytheismus der älteren und ältesten Landes- 
bewohner" (ebd. S. 47). 

„Trotz alledem blieb Polytheismus, krasserPo- 
lytheismusdreiJahrtausendehindurchdiebaby- 
lonische Staatsreligion" (S. 49). 

„Ich habe nie unterlassen , den ,krassen' Polytheismus 
der Babylonier zu betonen und fühle mich nichts weniger 
als gemüssigt, denselben zu bemänteln" (II, 1. Ausg. S. 30, 
4. Ausg. S. 32). 

Also: in Babylonien drei Jahrtausende hindurch, 
seit der Zeit der ältesten Landesbewohner, krasser 
Polytheismus, in der Bibel Monotheismus, der eben 
die weltgeschichtliche Bedeutung der Bibel ausmacht — 
wie sollte ich da fähig sein zu behaupten, dass der 
biblische Monotheismus aus Babylonien stamme? Bei 
der fundamentalen Wichtigkeit der Frage seien die Ur- 
sachen dieses teils aus schlechtem Willen, teils aus Un- 
kenntnis entsprungenen Missverständnisses kurz dar- 
gelegt. 

Das babylonische Tiefland mit seinem ungeheuren 
Reichtum an Getreide und Früchten allerart, seinen 



— 19 — 

weitgedehnten Wiesen, seinen beiden majestätischen 
Strömen voll des köstlichsten Wassers bildete von ur- 
alters her, wie noch bis auf diesen Tag, für alle be- 
nachbarten Stämme und Völker das Ziel heisser Sehn- 
sucht, und da das Land der natürlichen Grenzen und 
Schutzwehren entbehrt, so finden wir in Babylonien 
immer von neuem, in erster Linie aus der Zahl der 
vielerlei semitischen Nomadenstämme der grossen 
syrisch-arabischen Wüste, fremde Eindringlinge, die sich 
dortselbst teils nomadisierend herumtrieben, teils nach 
und nach dauernd ansiedelten. Die älteste in der 
babylonischen Tiefebene nachweisbare Bevölkerung, die 
Sumerer, wurde sogar von den in ältester Zeit ein- 
gedrungenen Semiten allmählich vollständig aufgesogen, 
während ihre hohen Kulturerrungenschaften, ihre Fort- 
schritte in Kunst und Wissenschaft — ich erinnere nur 
an die Schreibkunst — , ebenso wie ihre Religion, ihr 
Kultus, ihr Aberglaube eine Beute jener unkultivierten, 
aber sehr gelehrigen und auf jeglichen Besitz allzeit 
bedachten semitischen Nomaden wurde. Wenn wir von 
babylonischer Kultur, babylonischer Religion u. s. w. 
reden, meinen wir stets die von dem sumerischen Volke 
geschaffene, von den ältesten zugewanderten Semiten 
übernommene und in massigen Grenzen fort- oder um- 
gebildete Kultur und Religion Babyloniens. Aber das 
ewig unruhige Meer der sich endlos dehnenden Wüste 
und ihrer gleich dem Sande am Meer und den Sternen 
am Himmel zahllosen Bewohner warf immer neue Wogen 
in das babylonische Land : um 2500 v. Chr. jene Semiten- 
stämme, aus denen später Hammurabi hervorging, gegen 
1000 v. Chr. die semitischen Chaldäer, deren grösster 
Monarch weiterhin Nebukadnezar gewesen. Auch aus 
den nordöstlichen Gebirgen stiegen ungebetene Gäste 
zu der immer reichbesetzten Tafel Babyloniens nieder: 



— 20 — 

kossäische Horden um 2000 v. Chr., die die Gewalt an 
sich rissen und, sich gänzlich babyionisierend, viele 
Jahrhunderte die Herrschaft des Landes innehatten ; Burna- 
burias, Kurigalzu und andere berühmte Könige waren 
kossäischen Geblütes. Alle diese fremden Zuzügler 
hinterliessen reichliche und mannigfaltige Spuren in 
geographischen Benennungen, im Götterkult u. a. m., 
und wir erfahren daraus allerlei* Wissenswertes über ihre 
ursprüngliche Sprache, ihren Götterglauben u. dergl. So 
wissen wirz. B., dass jene Kossäer unter anderen auch 
einen Gott Suqamuna und eine auf den Bergspitzen 
thronende Göttin Simalia verehrten, wir erfahren dies 
aus babylonischen Keilschriftdenkmälern, würden 
aber höchst unverständig sein, wollten wir auch nur 
die Frage stellen: Stammt der Suqamuna -Kultus aus 
Babylonien? Genau dies gilt von denen, welche fragen: 
Stammt der Jahve-Kult, stammt der Glaube an Einen 
Gott namens Jahve, Jahu, stammt der Monotheismus 
Israels aus Babylonien? Es ist ein glücklicher Zufall, 
dass gerade aus der Zeit der ersten babylonischen Dynastie, 
welche aus jenem neuen Nachschub semitischer Nomaden 
um 2500 hervorging, eine Fülle von Privaturkunden er- 
halten geblieben ist, deren Personennamen auf die 
näheren verwandtschaftlichen Beziehungen, den be- 
sonderen Dialekt, die angestammte Religion jener 
Semitenstämme wenigstens einen Schimmer von Licht 
werfen und mit Sicherheit schliessen lassen: nicht dass 
der Monotheismus der Kinder Israel aus Babylonien 
stamme, sondern — dass die alttestamentliche Vor- 
stellung von Jahve durchaus korrekt ist, der- 
zufolge der Kultus des nachmaligen israelitischen 
Nationalgottes Jahve-Jahu in eine Zeit lange vor 
Moses zurückgeht, Jahve der Stammesgott bereits der 
Urahnen Israels : Abraham , Isaak und Jakob gewesen. 



— 21 — 

Mehr und mehr bewährt sich die Richtigkeit der alt- 
testamentlichen Vorstellung, dass die Urgeschichte 
Israels mit Babylonien, speziell Südbabylonien eng ver- 
knüpft ist. Dass die hebräische Sprache mit dem in 
Babylonien gesprochenen semitischen Idiom nahe ver- 
wandt ist, Babylonier und Hebräer von der ältesten 
Zeit her nahe verwandtschaftliche Beziehungen haben, 
hat man schon lange erkannt. In unserer Zeit aber 
mehren sich die Spuren, welche auf einen noch engeren 
Verkehr der Urahnen Israels mit Babylonien hinführen. 
Der Doppelname Abram-Abraham findet seine einfachste 
und ansprechendste Erklärung durch das Babylonische, 
und wie der Name Hammurabi inhaltlich und lautlich mit 
Rehabeam sich deckt, so wird jetzt auch der Name 
Mose, dessen Bedeutung bis auf diesen Tag dunkel ge- 
blieben, wenn ich recht sehe, durch ganz analoge baby- 
lonische Namen in befriedigender und durchaus einwand- 
freier Weise erklärt (ich spreche hierüber demnächst 
in einer besonderen Abhandlung). Auch verdient es viel- 
leicht Beachtung, dass „Chabiri-Leute", vor denen bekannt- 
lich in den Amarna-Briefen die Stadtherrn Südpalästinas 
den ägyptischen Pharao um Schutz anflehen, zur ZeitHam- 
murabis auch am unteren Laufe des Euphrat unweit 
Larsam erwähnt werden. Mag aber dem allem sein wie 
ihm wolle — jedenfalls lässt das Alte Testament selbst die 
Urahnen Israels aus der südbabylonischen Stadt Ur aus- 
wandern, lässt es bereits Abraham den Namen Jahves an- 
rufen, und bleibt es ebendarum schlechterdings unver- 
ständlich, wie die Tatsache, dass einzelne zufällig erhaltene 
Personennamen von Angehörigen jener alten Nomaden- 
stämme in und um Babylonien eine schon damalige Ver- 
ehrung des Gottes Jahve bezeugen, eine so gewaltige 
Aufregung hervorrufen konnte. Es wird für die 
Assyriologen unsrer Tage immer beschämend bleiben, 



— 22 — 

dass sie den Theologen, denen aus leicht durchschaubaren 
Gründen einer kaum glaublichen Kurzsichtigkeit und Eng- 
herzigkeit vor jenen Namen wie „Jahve ist Gott" bangte, 
Vorschub leisteten, indem sie ausschliesslich nur das- 
jenige beitrugen, was wenigstens vorübergehend und 
scheinbar die Richtigkeit der Lesung und Deutung 
jener alten Namen anzufechten vermochte, während 
doch diese Namen „Jahve bezw. Jahu ist Gott" nicht 
nur unantastbar fortbestehen, sondern sogar jetzt schon 
durch zwei andere aus ebenjener Zeit, bei denen 
ein Zweifel an der Fassung von Ia've, Iah als Gott 
nicht möglich ist, vermehrt werden können. Statt sich 
der neuen, für die Geschichte des Jahve -Namens 
und Jahve-Kultus äusserst wertvollen Erkenntnisse zu 
freuen, imputierte man mir die Wahnvorstellung, als 
leite ich den Monotheismus Israels aus Babylonien 
ab. Diese Behauptung diente so recht als offene Tür, 
die man einrannte; sie ermöglichte einen wütenden 
Kampf mit lautem Kriegs- und Siegesgeschrei, ohne 
dass ein Feind da war. Da meine wirklichen Aufstellungen 
sehr schwer angreifbar waren, konstruierte man sich 
eine von niemandem aufgeworfene oder gar verteidigte 
feindliche Position: Eduard König an der Tete, Jules 
Oppert an der Queue, zogen die Helden alle aus, um 
unter Posaunenstössen eine Schanze zu stürmen, die 
nur in ihrem unklaren Hirn existierte. Und dieses 
ganze unaufrichtige Treiben gefiel christlichen und 
jüdischen Theologen so gut und war ihnen so will- 
kommen, dass, als ich nach meiner Rückkehr aus Baby- 
lonien in zwei der meistgelesenen Berliner Zeitungen 
den Sachverhalt klarstellte, der Distriktsrabbiner Meyer 
in Regensburg es fertig brachte, dies als einen 
„Rückzug" meinerseits auszulegen und öffentlich kund- 
zutun. 



CO 

— 23 — 

In schroffstem Gegensatz zu Babylonien brach sich 
im Volke Israel monotheistischer Gottesglaube — auch als 
Volksreligion — Bahn, und obschon sich dieser Mono- 
theismus, selbst am Ende seiner Entwickelung, soweit sich 
diese in unbeeinflusst orientalischem Geiste vollzog, zu der 
höchsten Stufe religiös-sittlicher Erkenntnis nicht durch- 
rang, so reichte er doch vollkommen hin, um die von 
den Babyloniern übernommenen Urgeschichten von 
Weltschöpfung, Sintflut u. a. m. einem religiösen 
Reinigungsprozess zu unterziehen, sie allen mythologisch- 
polytheistischen Beiwerks zu entkleiden und insbesondere 
jene von der Weltschöpfung in eine durch schlichte Er- 
habenheit ausgezeichnete Form umzugiessen. Ich leugne 
dies so wenig, dass ich es vielmehr nur billigen kann, 
wenn meine theologischen Kritiker diesen Unterschied in 
warmen und beredten Worten betonen ; nur müssten sie sich 
hüten, das richtige Mass nach rechts und links allzusehr zu 
überschreiten. Ich für meine Person wollte in meinem ersten 
Vortrag nur kurz zeigen, dass die babylonische Literatur 
die Quelle ist, aus welcher die biblischen Urgeschichten 
geschöpft sind; dass die Erschaffung oder besser: die 
Bildung der Welt aus einem vorausgesetzten finsteren 
und wässerigen Chaos namens Tihämat und dessen 
Scheidung in Himmel und Erde ein babylonischer 
Gedanke ist, den der Verfasser der „elohistischen" 
Schöpfungserzählung, ohne zu fragen, woher denn das 
Chaos stamme, übernommen hat, sich darauf be- 
schränkend, das babylonische Gedicht in eine Erzählung 
umzusetzen und das Ganze zu monotheisieren (letzteres M 
ähnlich wie schon im babylonischen Weltschöpfungs- 
epos Marduk als der Eine Weltbildner erscheint), und 
dass für die biblische Sintfluterzählung die babylonische 
Rezension nicht nur als die ungleich ältere , sondern U 
auch als die weitaus ursprünglichere anzuerkennen ist; 



— 24 — 

dass diese und andere „Urgeschichten" hiernach für 
unsern Glauben schlechterdings ohne Bedeutung sind 
und weder in Kirche noch Schule irgendwelche unser 
Glauben und Wissen bindende Geltung beanspruchen 
können, dies um so weniger, als ja das Alte Testament 
selbst uns diese Geschichten in mindestens zwei, ein- 
ander vollkommen widersprechenden Rezensionen über- 
liefert hat. Es scheint mir eitel Blendwerk zu sein, 
nur dazu angetan, den sonnenklaren Tatbestand von 
neuem zu verhüllen, wenn von verschiedenen liberalen 
Theologen auf die Faustsage hingewiesen wird, die ja 
auch durch Goethes Geist so völlig umgestaltet, zu 
etwas ganz Neuem umgebildet worden sei. Beides 
sind, wie man leicht sieht, ganz inkomparable Grössen, 
insofern bei den biblischen Urgeschichten der babylonisch- 
» heidnische" Kern trotz der Umgestaltung völlig intakt 
geblieben ist und trotzdem als offenbarte Wahrheit 
geglaubt werden soll. Besondere Hervorhebung ver- 
dienen für das Kapitel der Urgeschichten die Bekenntnisse 
des Doktor der Theologie Gunkel, welcher auf S. 16 f. 
seiner oben zitierten Schrift sagt: 

„Babylonischer Ursprung ist ganz unzweifelhaft für die 
Sintfluterzählung; beinahe alle modernen Forscher, Assyrio- 
logen und Alttestamentier, stimmen hierin überein; und 
wenn vereinzelte, allzu ängstliche Theologen sich gegen 
diesen unabweislichen Schluss sträuben, so mögen sie wohl 
zusehen, ob sie nicht der Sache des Glaubens, die sie ver- 
teidigen wollen, vielmehr schaden als nützen! Wehe der 
Theologie und wehe auch unsrer Kirche, wenn 
sie in den Ruf kommt, dass sie ihre Augen vor 
offenbaren Tatsachen verschliesst!" 

Und was die „Ausflucht" anbetrifft, „es handle sich 
in der babylonischen und alttestamentlichen Sintflut- 
erzählung um zwei verschiedene Berichte über dieselbe 



— 25 — 

geschichtliche Tatsache," so bemerkt Gunkel S. 19 mit 
Recht: 

„Für jeden Sagenkenner ist es ganz unzweifelhaft, dass 
beide Erzählungen, die in nebensächlichen Einzelzügen so 
sehr übereinstimmen, als Erzählungen verwandt sein 
müssen", 

worauf wir S. 20 die Worte lesen : 

„Wir sagen: für den Sagenkenner; denn auch dieser 
Schluss ist unentrinnbar, dass die hebräische Flut-Tradition . . . 
eine poetische, volkstümliche Erzählung, d. h. eine Sage 
ist. Das . . . sollte für jedermann, der überhaupt auf Bildung 
und Geschmack Anspruch macht, schon lange selbstverständ- 
lich sein!" 

Seine Betrachtungen aber über die elohistische Welt- 
schöpfungserzählung, für welche nach seiner Ansicht 
ebenfalls „wahrscheinlich ist, dass dem biblischen Be- 
richt der babylonische zugrunde liegt" (S. 24), schliesst 
Gunkel mit den ernsten Worten (S. 25) : 

„Wiederum aber lehrt diese Betrachtung, dass die 
Schöpfungserzählung nicht anders als die von der Sintflut eine 
Dichtung ist; auch das ist eine Erkenntnis, gegen 
die sich niemand, der unsre Kirche wirklich lieb hat, 
sträuben sollte; es wäre nicht zu viel verlangt und der Anfang 
einer höchst notwendigen Reformation, wenn schon in dem 
biblischen Geschichtenbuch das erste Stück überschrieben 
würde: das Gedicht von der Schöpfung. Mögen die Fach- 
leute diesen Vorschlag erwägen. Jetzt ist es noch Zeit. 
Vielleicht kommt einmal die Stunde, da es heisst: zu spät!" 

Wenn mein erster Vortrag solch ernsten und dring- 
lichen Betrachtungen Bahn gebrochen hat, so darf ich 
mich eines gewissen Erfolges doch vielleicht getrösten. 
Im übrigen würde es mir als das einzig Konsequente 
erscheinen, dass sich Kirche und Schule für die 
ganze Urgeschichte der Welt und der Menschheit 



— 26 — 

mit dem Glauben an Einen allmächtigen Schöpfer 
Himmels und der Erde begnügten und jene alttestament- 
lichen Erzählungen etwa unter der Bezeichnung „Alt- 
hebräische Sagen" für sich gestellt würden. Es könnten 
dann auch die Simson-Sage (Richter 13 — 16) und — 
mit einiger Erweiterung des Begriffes der Sage — die 
mancherlei Prophetensagen und Wundergeschichten voll 
echt orientalischer, teilweise ungebundenster Phantasie, 
mit denen die historischen Abschnitte des Königsbuches 
durchsetzt sind, angegliedert werden: die Erzählungen 
„vom schwimmenden Eisen" (2 Kö. 6, 1 — 7) und andere 
mehr (siehe 1 Kö. 13, 1—32. 2 Kö. 1—4. 6, 8—23. 
1 3, 1 f.). Denn mögen gleich diese Geschichten zumeist für 
die Sitten und Gebräuche der althebräischen Zeit sehr lehr- 
reich sein und durch die Anschaulichkeit der Schilderung 
und die Lebendigkeit der Darstellung hohen und eigen- 
artigen Reiz auf uns ausüben (z. B. 2 Kö. 4. 5), so sind 
sie doch für unsern Glauben ganz und gar ohne Belang. 
Bei solcher Besonderung dürfte sich dann auch leicht ent- 
scheiden lassen, ob Gunkel (S. 20) mit Recht der Poesie 
im Alten Testamente den Ruhm zuerkennt, „die herr- 
lichste Poesie der Welt" zu sein, oder ob dieses 
Urteil auf Uebertreibung beruht. Und wenn jener 
„orthodoxe Pastor" Mitteldeutschlands, wie ich nicht 
zweifle, im Namen der überwältigenden Mehrheit seiner 
Amtsbrüder ausruft, dass „die biblischen Geschichts- 
bücher weder die Geschichte von Bileams Esel, noch 
von der stillstehenden Sonne, noch von dem Einfall 
der Mauern Jerichos, noch von dem Fisch, der Jona 
verschlingt, noch von dem Nebukadnezar- Wahnsinn ent- 
hielten — alles Erzählungen, deren geschichtliche Glaub- 
würdigkeit auch nach orthodoxer Ansicht angefochten 
werden könne", so könnten auch diese mit ausgeschieden 
und ebenhiermit irrigen Anschauungen, Vorurteilen, wohl 



— 27 — 

gar Aergernissen in weitem Umfange gesteuert werden. 
Es würde zu überlegen sein, ob etwa in einer Ein- 
leitung zu diesen Sagen der religiöse Gehalt einzelner 
von ihnen (die Simson-Sage z. B. lässt solchen voll- 
ständig vermissen) ins Licht zu setzen wäre. 

Von der Engellehre abgesehen, auf welche mein 
Schlussvortrag kurz zurückkommen wird, wurde in 
meinen Vorträgen sonst noch lediglich für den Sabbat h 
babylonischer Ursprung, also Entlehnung aus dem 
Babylonischen, angenommen. Welche Ströme von Tinte 
wurden über dieses Thema vergossen, und welche 
Wogen der Erregung hatte vor allem auf jüdischer Seite 
die Sabbatherwähnung verursacht ! Und doch stehen — 
trotz des anfänglichen, schwer begreiflichen Widerspruches 
sogar von Seiten einzelner Assyriologen — vier Tat- 
sachen nach wie vor fest: 1. dass auch die Babylonier- 
Assyrer einen sabattu-Tag hatten, 2. dass sie ihn als 
„den Tag" schlechtweg bezeichneten, 3. dass er ihnen 
als „Tag der Versöhnung der Götter" galt, und 4. dass 
gleich dem hebräischen sabbäth, das babylonisch-assy- 
rische Wort sabattu das „Ruhenlassen der Arbeit", das 
„Feiern" bedeutet. Schon heute können wir — in Be- 
stätigung einer I, S. 62 ausgesprochenen Vermutung — 
eine neue wichtige Erkenntnis hinzufügen, nämlich dass 
der Sabbath „der Tag" genannt wurde als der Tag 
Gottes, in Uebereinstimmung mit der im Alten Testa- 
ment so beliebten Redeweise im Munde Jahves: „meine 
Sabbathe", vergl. unser: „der Tag des Herrn". Eben- 
deshalb steht aber nunmehr so gut wie ausser allem 
Zweifel, dass wenn in assyrischen Kalendern für den 
7., 14., 21., 28. (allerdings auch 19.) Tag der einzelnen 
Monate dem assyrischen König, dem „Hirten der grossen 
Völker", teilweises Fasten und, ebenso wie dem Magier 



— 28 — 

und Arzt, Verzicht auf alle Berufstätigkeiten vor- 
geschrieben wird, diese Tage eben die „vom König 
heilig zu haltenden Tage Gottes", d.i. die Sabbath- 
tage, sind. Obschon wir nun über das Ob und Wie der 
Sabbathfeier seitens des babylonisch-assyrischen Volkes 
zurzeit noch nichts auszusagen vermögen, da jene 
assyrischen Kalender so gut wie ausschliesslich für den 
König bestimmt sind, so ist doch schon so viel ersicht- 
lich, dass diese zu allererst, nämlich von den Sumerern, 
als „böse Tage" ausgeschiedenen Monatstage bereits 
durch die babylonischen Semiten eine sehr wesentliche 
sittlich-religiöse Vertiefung gefunden haben: gleich den 
Hebräern von dem Bewusstsein durchdrungen, dass 
alles menschliche Tun eitel „Nichtigkeit und Sündenlast" 
ist, machten die Babylonier den sabattu-Tag zu einem 
Tag der Versöhnung der Götter mittelst Fastens und 
insonderheit Unterlassens jedweder Tätigkeit. Es bleibt 
hiernach bei dem im ersten Vortrag S. 29 (vergl. S. 62) 
gesprochenen, sehr vorsichtig formulierten Worte, dass 
der hebräische Sabbath und ebendamit die in der Sabbath- 
ruhe beschlossene Segensfülle „im letzten Grunde" 
in einer babylonisch-assyrischen Institution „wurzelt". 
Die Aenderungen zu diskutieren, welche der Charakter 
des Sabbathtages bei den Hebräern gefunden, indem 
diese ihn zu einem Opfer- und Freudenfest und einem 
Ruhetag auch für das Gesinde und das Vieh machten, 
liegt für mich keinerlei Grund vor. Es wäre dies auch 
verfrüht, solange wir für die Feier des keilschriftlichen 
Sabbathtages auf die nur den König berücksichtigenden 
assyrischen Kalender angewiesen sind. Was gezeigt 
werden sollte, war, dass der bis dahin für eine eminent 
israelitische, von Jahve selbst eingesetzte Institution 
gegoltene Sabbathtag seinem Ursprung nach auf Baby- 
lonien zurückgeht und eine rein natürliche geschichtliche 



— 29 — 

Entwicklung aufzuweisen hat. Es ist dies ja auch ganz 
natürlich: einesteils brauchen Nomaden, für die jeder 
Tag sozusagen ein Ruhetag ist, keinen besonderen Ruhe- 
tag, und andrerseits ist bekanntlich Babylonien das 
klassische Land der Tagewählung. 



Die Disposition meiner beiden Vorträge ist un- 
schwer durchschaubar. Ein jeder von ihnen wollte in 
seinem ersten Teile zeigen, in wie vielen und mannig- 
fachen Fragen geographischer, geschichtlicher, chrono- 
logischer, sprachlicher und archäologischer Art sich 
Babel als „Interpret und Illustrator" der Bibel, speziell 
des Alten Testamentes bewährt. Trotz der Ausgedehnt- 
heit der betreffenden Abschnitte (I, S. 3—24; II, S. 5—16) 
konnten doch nur vereinzelte Proben gegeben werden, 
die mit leichter Mühe zu Büchern erweitert werden 
könnten, doch haben sich diese Proben als über jeden 
Angriff erhaben bewährt. Der zweite Teil ging dazu 
über, Parallelen zwischen Babel und Bibel 
aufzuzeigen. Der erste Vortrag stellte in den Mittel- 
punkt die Parallelen der beiderseitigen Sintflut- und 
Schöpfungserzählungen, umrahmt von den Parallelen 
des Sabbathtages und der Vorstellungen vom Leben 
nach dem Tode. Der zweite Vortrag brachte eine 
längere Reihe von Parallelen in Redeweisen und Vor- 
stellungen, speziell jenen vom Sich-offenbaren der Gott- 
heit, und gipfelte in der Parallele zwischen der Gesetzes- 
offenbarung Jahves an Mose und der des Sonnengottes 
an Hammurabi. An beide Teile schloss sich dann 
jedesmal ein Schlussteil, welcher auf Grund der neueren 
Forschungen über die alttestamentliche Religion sowie 
unseres durch Babel, d. h. das babylonisch-assyrische 
Altertum geweiteten Gesichtskreises die Religion Israels, 



— 30 — 

speziell die Verehrung Eines Gottes namens Jahve 
(Jahu) berührte, um schliesslich auf die mit dem Christen- 
tum angebrochene wahrhaft neue Zeit auszublicken, 
ebenhiermit das Ziel des im übrigen genau so dis- 
ponierten dritten und letzten Vortrags über „Babel und 
Bibel" vorbereitend. 

Von den Urgeschichten und der Sabbathinstitution 
abgesehen, bei denen die Abhängigkeit der Bibel von 
Babel zu evident sind, um unerwähnt und ungewürdigt 
zu bleiben, bildet also die Aufzeigung der mannigfachen, 
teils mehr teils weniger bedeutsamen Parallelen 
zwischen Babel und Bibel meine Hauptaufgabe. Ihre 
Erfüllung reicht auch für das mit diesen drei Vorträgen 
angestrebte Ziel vollkommen aus, in dem Grade, dass 
die Abhängigkeit oder Unabhängigkeit der Bibel 
von Babel mir total gleichgiltig ist. 

Aus der hier aufgezeigten Disposition meiner drei Vor- 
träge erhellt ferner, wie grundverkehrt es ist, wenn man 
mehrfach gemeint hat, dass ich „nach allerlei Plänkeleien 
im ersten Vortrag in meinem zweiten der Offenbarung 
direkt auf den Leib rücke". Und welch kleinen, klein- 
lichen Massstab muss Gunkel an Menschen und Dinge 
zu legen gewöhnt sein, wenn er (S. 4 f.) meint, ich 
„hätte mich, durch meine kirchlichen Gegner gereizt, 
ganz auf theologisches Gebiet begeben und kurzerhand 
den Offenbarungscharakter des Alten Testamentes und 
sogar der israelitischen Religion in Frage gestellt". 
Wer Menschenfündlein vertritt, mag gereizt und nervös 
werden, wenn er seine Fündlein in Gefahr sieht, wer 
aber wie ich auf monumentalem Boden steht, der ver- 
liert selbst Hunderten von theologischen Angreifern 
gegenüber, ja selbst wenn alle (deutschen) Assyrio- 
logen gegen ihn wären, auch nicht einen Augen- 
blick seine Freudigkeit und Ruhe. Der Nachweis 



— 31 — 

des so ganz gleichartigen alttestamentlichen und baby- 
lonischen Offenbarungsbegriffes steht für mich 
vielmehr völlig auf Einer Linie mit allen übrigen von 
mir dargelegten und weiter noch darzulegenden, viel- 
leicht noch ungleich bedeutsameren Parallelen 
zwischen Babel und Bibel. Ich wusste wohl, dass es 
ein gefährlich Ding sei, auf diese Parallele persönlichen 
Sichzeigens der Gottheit, ihres Erscheinens im Traum 
und andern Visionen oder in der Gestalt eines Engels, 
wohl selbst eines göttlichen Feldhauptmanns mit ge- 
zücktem Schwert (Jos. 5, 13 ff.), ihres Sichoff enbarens 
im Wind und Sturm, ihres direkten Sprechens vornehm- 
lich zu den Propheten, wie sie Babel und Bibel ge- 
meinsam ist (sei es mehr nur als bildliche Redeweise 
oder als wirkliche Glaubensvorstellung) hinzuweisen. 
Sie verschweigen, gerade diese bedeutungsvolle Parallele 
unterdrücken, wäre wider die Wahrheit gewesen. Der Auf- 
zeigung dieser speziell den sinaitischen Gesetzgebungs- 
akt empfindlich berührenden Parallele soweit möglich 
jede verletzende Spitze zu nehmen, war und blieb 
mein ernsthaftes Bemühen. Hinsichtlich meiner christ- 
lichen Leser wäre solches Bemühen vielleicht gar nicht 
so notwendig gewesen. Denn wenn z. B. in den Leit- 
artikeln so mancher christlichen Zeitung am Himmel- 
fahrtsfeste zu lesen ist, dass die Himmelfahrt Christi 
durchaus nicht wörtlich, sondern nur symbolisch zu 
verstehen sei, so sieht man, wie die religiösen An- 
schauungen auch der modernen neutestamentlichen 
Wissenschaft bereits in die Laienwelt durchzusickern be- 
ginnen, und ich darf mich darum nicht länger als über einen 
Erfolg meines zweiten Vortrages über das hohe Bekennt- 
nis freuen, dass der Gesetzgebungsakt Jahves vom Sinai 
nur „symbolisch als von Gott inspiriert angesehen werden 
könne". Aber, da mein Zuhörerkreis nicht bloss aus 



— 32 — 

Männern der wissenschaftlichen Theologie bestand, son- 
dern auch aus evangelischen, katholischen, jüdischen 
Strenggläubigen, so glaubte ich, bevor ich, gestützt auf die 
Resultate der Pentateuchkritik einerseits und die Gesetzes- 
stelle Hammurabis andrerseits, an die Gesetzgebung 
vom Sinai herantrat, daran erinnern zu sollen, dass 
die alte Vorstellung, als seien „die zufällig erhalten 
gebliebenen und im Alten Testament gesammelten 
unschätzbaren Ueberreste des althebräischen Schrifttums 
in ihrer Gesamtheit für einen religiösen Kanon, für 
ein von Anfang bis zu Ende offenbartes Religions- 
buch zu halten, schon längst als ein Irrtum erkannt sei. 
Wer diese Worte „in ihrer Gesamtheit" und „von An- 
fang bis zu Ende" klar ins Auge fasst und überdenkt, 
wird mir das Zeugnis geben müssen, dass diese Ein- 
schränkungen aus grösstmöglicher Mässigung heraus- 
geboren sind. Auch wenn ich zum Beweise hierfür an 
so philosophische bezw. weltliche Stücke des Alten Testa- 
mentes, wie das Buch Hiob, das Hohelied, Psalm 45 
hinwies, so fiel es mir nicht ein, damit zu polemisieren — 
wie könnte man gegen einen längst abgetanen Irrtum 
„polemisieren"? — , sondern ich erinnerte an der 
Hand dreier überzeugungskräftiger Beispiele daran, wie 
notwendig jene Anbahnung einer kritischeren Beurteilung 
des alttestamentlichen Schrifttums gewesen. Und ich 
wies ferner kurz darauf hin, dass und warum auch, die 
Annahme einer Verbal ins piration für die einzelnen 
Bestandteile des Alten Testaments habe preisgegeben 
werden müssen , auch , ja obenan für die fünf Bücher 
Mosis, sodass also, lediglich um die jüdische Theologie 
zu schonen, die Verbalinspiration der Thora zugeben 
gleichbedeutend wäre mit bewusstem Ableugnen wissen- 
schaftlich allgemein anerkannter Tatsachen. Wie ein 
Erinnern an überwundene Irrtümer und offenes 



— 33 — 

Eintreten für die Anschauungen der evangelischen wie 
katholischen alttestamentlichen Wissenschaft, ja der 
Kirche selbst eine solche Erregung der Gemüter herbei- 
führen konnte, würde mir selbst und vielen andern 
ein Rätsel geblieben sein, hätte nicht ein hierzu be- 
rufenster Theologe, Professor Karl Budde, die Er- 
klärung gegeben, und zwar mit Worten, die mir so 
wertvoll scheinen, dass sie auch hier noch einmal 
wiederholt werden mögen (siehe Vorwort zur 2. Auflage 
von Buddes Schrift Das Alte Testament und die Aus- 
grabungen p. XI f.) : 

„Wir dürfen es uns nicht verhehlen, dass die über- 
wältigende Mehrzahl auch der Gebildeten in unserm evan- 
gelischen Volke die Verbalinspiration für verpflichtende Lehre 
ihrer Kirche halten und ihr gegenüber ein böses Gewissen 
haben , wenn sie an diesem Satze irre geworden sind. Es 
ist eine bekannte Tatsache, dass die Wühlarbeit gegen das 
Christentum als solches an diesem Satze zuerst anzusetzen 
pflegt, und wer weiss, wie oft mit ihm das ganze Christen- 
tum aus einfältiger Leute Herzen auszureissen vermag. Die 
Bibel heisst ja ,Gottes Wort': was liegt dem trägen Sinne 
und füglich auch dem Alltagsverstande näher, als dies mit 
der jüdischen und christlichen Scholastik so zu verstehen, 
dass Gott jedes Wort darin so gesprochen, d. h. dem Schrift- 
steller eingegeben habe? Aber die eigentlicheSchuld 
lastet doch nicht auf dem Laientum, sondern auf der 
Kirche. Nicht nur, dass es auch heute noch Querköpfe 
unter den Theologen selber gibt, die eifernd auf ihrem 
Schein bestehen und den Inspirationsglauben zur unerläss- 
lichen Bedingung des Christenstandes machen. Auch die 
meisten von denen, die das keineswegs wollen noch können, 
machen sich doch der Versäumnis schuldig, nicht klar her- 
auszustellen, inwiefern die Bibel Gottes Wort heissen darf 
und inwiefern nicht. Auch unsere Schulen sind noch weit 
entfernt davon, ihre Schüler. . . in ein geschichtliches Ver- 
ständnis der Heiligen Schrift einzuführen, das allein solchem 

Delitzsch, Babel und Bibel. Rück- und Ausblick. 3 



— 34 — 

Irrtum vorbeugen . . . kann. Es ist eine Lust zu sehen, 
mit welcher Entschiedenheit, mit welcher ruhigen 
Ueberlegenheit Vertreter der biblischen Wissenschaft, die 
unbestritten der kirchlichen Rechten zugezählt werden 
— ich nenne nur Oettli, Kittel, Sellin, die beiden Jeremias — , 
in ihren Aeusserungen zum Babel- und Bibel-Streit den 
Inspirationsglauben als überwundenen Irrtum 
abweisen . . .*) Hoffen wir, dass die Bewegung, die sich 
an diese Frage angeknüpft hat, nicht zur Ruhe komme, bis 
die Erkenntnis, die allein helfen kann, in die weitesten Kreise 
der evangelischen Kirche hindurchgedrungen ist." 

Also auch hier war es die Unbekanntschaft einer 
„überwältigenden Mehrheit der Laien" mit den von mir 
vorausgesetzten Erkenntnissen der wissenschaftlichen 
Theologie, welche grundlos jene Erregung verursachte, 
und ich darf es wohl als einen Trost für so manche 
Unbill empfinden, dass es mir vergönnt war, auch 
meinerseits auf Verbreitung einer reineren Lehre in 
Kirche und Schule mit hinzuwirken. Schon eine offene 
Meinungsäusserung unsrer massgebenden alttestament- 
lichen Theologen iüber die Verbalinspiration und die 
absolute Notwendigkeit ihrer endgültigen Preisgabe aus- 
gewirkt zu haben, scheint mir von höchstem Werte. Nur 
noch zwei diesbezügliche Urteile mögen hier Platz finden. 

„Haben wir also wirklich nichts aus diesem Streite zu 
lernen ? Ich denke doch . . . Sagen wir selbst der evange- 
lischen Gemeinde noch offener und rückhaltloser als es 
bis jetzt geschehen, dass die Bibel kein vom Himmel ge- 
fallenes Buch ist, sondern geschrieben vonMenschen 
nach Art menschlicher Literatur." (Sellin in 
Evangel. Kirchen-Ztg. f. Oesterreich, a. a. O.) 



*) Die oben weggelassenen Worte lauten: „und ebenso ent- 
schieden zu dem Glauben an eine in der Geschichte sich voll- 
ziehende Offenbarung Gottes sich bekennen". Dieses ihr Be- 
kenntnis ist auch das meine (siehe S. 47). 



— 35 — 

„Das, worauf es Walther (in seinem Buche Bibelwort 
und Blbelwlssenschaff) ankommt, wird man allerdings gelten 
lassen müssen: gegen die Auffassung, die in der Schrift 
unbedingte Irrtumlosigkeit findet und jedem Stück ihres 
gesamten Inhalts gleichen Wert beimisst, ist allerdings im 
Interesse der Bibel selber und ihrer Göttlichkeit entschieden 
Front zu machen. Zu fordern ist in der Tat unbedingte 
Preisgabe des Inspirationsdogmas in der Fassung 
des siebzehnten Jahrhunderts und rückhaltlose Anerkennung 
der Bibelwissenschaft als genuiner Tochter der Reformation 
selber." (Pfarrer Lic. theol. Boehmer in Studierstube, 
a. a. O., S. 374.) 



Diese und viele andere gleichartige Zeugnisse 
rechtfertigen die Worte, die in meinem zweiten 
Vortrage dem Abschnitt über die Gesetzesoffenbarung 
am Sinai ursprünglich vorausgeschickt worden waren, 
und bestätigen das Resultat, zu welchem meine 
dortigen Darlegungen geführt. Sie sind in ihrer Ein- 
mütigkeit eine ausserordentlich wertvolle Frucht der 
durch meine Vorträge angeregten theologischen Kritik 
und mögen mir der Anlass zu einem Exkurs sein, der 
ernster Erwägung vielleicht wert scheint. Dass „das 
Herz unsres deutschen Volkes einen unermesslichen 
Goldhort von Religiosität birgt" (Dagobert von Gerhardt- 
Amyntor), hat sich anlässlich der „Babel und Bibel "- 
Frage von neuem glänzend bewährt, und aus den 
Hunderten von Briefen, die ich andauernd empfange 
und deren Veröffentlichung selbst Blinden die Augen 
öffnen würde, spricht ein wahrhaft heiliges Verlangen 
nach Klarheit über Wesen und Wert der Quellen unserer 
Glaubensvorstellungen sowie eine heisse Sehnsucht nach 
einer geläuterte^ christlichen Bibel, letzteres nicht 
selten unter Bezugnahme auf das kaiserliche Wort : „Es 



— 36 — 

versteht sich für mich von selbst, dass das Alte Testa- 
ment eine grosse Anzahl von Abschnitten enthält, welche 
rein menschlich historischer Natur sind und nicht , Gottes 
geoffenbartes Wort'. Es sind rein historische Schilde- 
rungen von Vorgängen aller Art, welche sich in dem 
Leben des Volkes Israel auf politischem, religiösem, 
sittlichem und geistigem Gebiet des Volkes vollziehen". 
In der Tat scheint es mir eine Forderung der Wahr- 
haftigkeit, dass wir uns beizeiten bestreben, dem Buch, 
das wir unsern Kindern in die Hand geben und unsern 
Nachkommen vererben als das Fundament, auf dem sie 
stehen sollen im Leben und im Sterben, die uns von 
Gott beschiedenen geläuterten Erkenntnisse dienstbar 
zu machen. Vor allem sollte ich meinen, dass wir 
berechtigt wären und darauf endlich bedacht sein 
sollten, aus dem Alten Testament als einem Religions- 
buch alles das auszuscheiden, was nicht in ein solches 
gehört, was nicht religiös-sittlicher Erziehung zu dienen 
geeignet ist. Ich meine hier nicht die mancherlei sittlich 
(im engeren wie weiteren Sinn) anstössigen Stellen, 
angesichts deren man sich doch hüten sollte, so ganz 
ohne Einschränkung von einem „hohen sittlichen Ab- 
stand zwischen Babylon und Israel" zu sprechen, sondern 
ich meine neben den bereits oben berührten mannig- 
fachen Sagen und Legenden viele andere Abschnitte, 
zum Teil ganze Bücher. Was religiös-sittlichen 
Inhalts und Wertes im althebräischen Schrifttum 
ist, das bleibe erhalten, geschätzt, ja geliebt 
für ewige Zeiten! Aber ausgeschieden sei aus dem 
Kanon unserer christlichen Religionsschriften, aus unserer 
Christenbibel alles, was selbst für das jüdische Volk 
niemals andern als literarischen Wert besessen hat 
und was selbst für das Judentum der christlichen Zeit 
nur noch geschichtlichen und archäologischen 



— 37 — 

Wert besitzt. Es scheint mir das eine Forderung so 
zwingend und so massvoll zugleich, dass sie, nachdem 
man zwei Jahrtausende hindurch aus Unverstand und 
Gleichgültigkeit alles beim Alten gelassen, im zwanzigsten 
christlichen Jahrhundert doch vielleicht Aussicht auf 
Erfolg erhoffen könnte. Kein Zweifel, dass auch jetzt 
noch solches Aufgeben festgewurzelter Vorurteile und 
Irrtümer manchen ängstlichen Gemütern Unruhe und 
Schmerz bereiten wird, und dass alle diejenigen, die 
noch nie in ihrem Leben die betreffenden Bücher des 
Alten Testamentes gelesen haben, wenigstens nicht mit 
Aufmerksamkeit und Verständnis, möglichst geräuschvoll 
gegen diese „Neuerung" Front machen werden 6 ). Trotz- 
dem bleibt solche Läuterung unseres christlichen Kanons 
dringend notwendig und verheisst reichen Segen 
und Gewinn. Sie würde ungezählte Tausende davor be- 
wahren oder wieder davon zurückbringen, mit dem 
ihnen in religiös-sittlichen Fragen längst unnütz und 
entbehrlich, wohl gar anstössig gewordenen Ballast 
vieler alttestamentlichen Teile ihrer Bibel diese selbst 
über Bord zu werfen. Sie würde weiter mehr und 
mehr Klarheit schaffen, ob und inwieweit das Christen- 
tum mit dem Alten Testament in „geschichtlich-organi- 
scher Verbindung" stehe (das Verhalten des Judentums 
zum Christentum spricht für Verneinung dieser Frage), 
und dazu beitragen, dass dem Judentum gegeben und 
belassen werde, was des Judentums ist, dass aber auch, 
was des Christentums ist, diesem voll und ganz 
gegeben werde. Jene Läuterung würde endlich — und 
hoffentlich gleich vom ersten Schulunterricht an — uns 
wieder mehr auf das Wesentliche aller Religion, die 
Herzensgemeinschaft mit Gott, besinnen lassen und uns 
Christen zumal auf das Eine, was not tut, konzentrieren : 
Jesu nachzufolgen in immer ernsterer und treuerer 



— 38 — 

Erfüllung der uns von ihm gewiesenen religiösen Auf- 
gaben und sittlichen Pflichten. 

Mit Nachdruck hat im bisherigen Verlauf der „Babel 
und Bibel "-Bewegung mehr als ein jüdischer Theologe 
öffentlich versichert, dass so wenig wie das Buch Hiob 
ebensowenig auch das Hohelied vom Judentum als 
„geoffenbart" angesehen werde, dass man jedoch „den 
Sammlern des Kanons für die Aufnahme dieses zu den 
schönsten Büchern der Weltliteratur gehörenden Buches 
Dank wissen" müsse. Könnten wir nun nicht logischer- 
weise mit demselben Rechte verlangen, dass auch die 
zu den schönsten Büchern der Weltliteratur gehörigen 
deutschen Bücher in unser christlich-deutsches Religions- 
buch aufgenommen würden? oder aber, da niemand 
diese törichte Forderung stellen wird, sollte es nicht 
an der Zeit sein, dass diejenigen alttestamentlichen 
Schriften aus unserer „Bibel" ausgeschieden werden, 
die selbst für das Judentum lediglich literarischen 
Wert haben? D. Karl Budde sagt in seinem Vortrag: 
Was soll die Gemeinde aas dem Streit um Babel and 
Bibel lernen? (S. 19 f.): „Ich sehe eine weise Fügung 
Gottes selbst darin, dass eine Sammlung weltlicher 
Hochzeitslieder wie das Hohelied und ein Buch zweifel- 
stichtiger Lebensweisheit wie der Prediger durch Miss- 
verständnis und Umdeutung Aufnahme in die 
Heilige Schrift Alten Testaments finden durften." 7 ) Gegen 
solches Wort sei laut die Frage erhoben : welcher un- 
voreingenommene, denkende Christ auf der weiten Erde 
wird es nicht vielmehr mit mir für eine heilige Pflicht 
halten, den Namen des „Wortes Gottes" vor lange genug 
aus heillosem Unverstand und verdammenswerter In- 
differenz geübtem Missbrauch fernerhin zu schützen, 
indem endlich aus unserer christlichen Bibel Literatur- 
erzeugnisse ausgeschieden werden, die ihre Aufnahme 



— 39 — 

in das Alte Testament anerkanntermassen lediglich einem 
Missverständnis und gewaltsamer Umdeutung verdanken? 

Das Königsbuch erzählt, dass das Nordreich Israel, 
welches nicht weniger als zehn Stämme der „Kinder 
Israel" umfasste, vom ersten Anfang seiner Lostrennung 
unter Jerobeam I. an als seine Nationalgötter, die sie 
aus Aegypten geführt, zwei in Bethel und Dan auf- 
gerichtete goldene Kälber verehrte und diesem Götzen- 
dienst, dem gegenüber die sumerisch -babylonische 
Götterverehrung eine unvergleichlich höhere Stufe dar- 
stellt und dem sogar der Baal- und Astarte-Dienst vor- 
zuziehen ist, die ganzen zwei Jahrhunderte seines Be- 
standes hindurch anhing, bis der kleine Staat den 
Assyrern erlag und die zehn Stämme, losgerissen von 
ihrem heimatlichen Boden, in fremden Landen für ewig 
untergingen. Wir hören über dieses Zehnstämmereich 
in deri uns erhaltenen alttestamentlichen Quellen nichts 
als eine ununterbrochene Klage über die greuliche 
Götzendienerei von König und Volk und deren zeit- 
weilige Ablösung und Unterbrechung durch den von 
Izebel eingeführten Baalsdienst. Es ist die ruhmlose 
Geschichte eines politisch wie religiös und sittlich in sich 
haltlosen Kleinstaates, regiert von Königen, von denen 
keiner sich über das Durchschnittsmass eines grösseren 
Beduinenschechs erhob. 

Jerobeam I. (22 J.), Sohn des Nebat, Hess die 
beiden goldenen Kälber machen, setzte beliebige Men- 
schen zu Priestern ein, und von keinem, auch keinem t 
seiner Nachfolger auf dem Thron weiss die hebräische 
Geschichtsschreibung etwas anderes zu sagen, als dass 
sie wandelten in den gottlosen Wegen Jerobeams I. 
Gleich sein Sohn 

Nadab (2 J.) wurde ermordet von 



— 40 — 

Ba'sa (24 J.), der das ganze Haus Jerobeams aus- 
rottete, worauf ihm sein Sohn 

E 1 a (2 J.) folgte, der wiederum ermordet wurde von 

Zimri, der das ganze Haus Ba'sas ausrottete, aber 
schon nach sieben Tagen, von dem vom Heer zum 
Könige ausgerufenen Feldherrn Omri entthront, sich 
selbst den Flammentod gab. 

Omri (12 J.), der Erbauer der Stadt Samarien, als 
ein besonders gottloser König charakterisiert, hatte zum 
Nachfolger seinen Sohn, den allergottlosesten 

Ahab (22 J.), der, mit Izebel vermählt, den Baal- 
kultus einführte und in Samarien selbst einen Baaltempel 
baute. Ihm folgte sein Sohn 

Achazjahu (2 J.), der ebenfalls dem Baal diente, 
und diesem sein Bruder 

Je hör am (12 J.), der durch seinen auf des Pro- 
pheten Elisa Befehl zum König gesalbten Feldherrn 
Jehu ermordet wurde, worauf dieser auf Elisas Befehl 
das ganze Haus Ahabs mit Stumpf und Stiel ausrottete, 
70 Mitglieder des königlichen Hauses an einem Tag ent- 
haupten lassend, während alle im Baaltempel heim- 
tückisch versammelten, den Baal verehrenden Bewohner 
des Nordreiches abgeschlachtet wurden. Dieser 

Jehu (28 J.) machte zwar dem Baalsdienst ein 
Ende, tat aber im übrigen ganz so wie Jerobeam I. 
Ihm folgte sein Sohn 

Jehoachaz (17 J.) und diesem sein Sohn 

Joas (16 J.), der mit Amazia von Juda siegreich 
Krieg führte, nachdem schon früher bis in die Zeit Asas 
und Ba'sas Bruderkrieg geherrscht hatte. Ihm folgte 
sein Sohn 

Jerobeam II. (41 J.) und diesem sein Sohn 

Zacharia, der nach einem halben Jahr entthront 
und ermordet ward von 



— 41 — 

Sali um, der seinerseits schon nach einem Monat 
entthront und ermordet wurde von 

Me nahem (10 J.), dessen Sohn 

Peqachia (2 J.) entthront und ermordet 
wurde von 

Peqach (20 J.), der im Verein mit Damaskus gegen 
Juda Krieg führte und dann entthront und ermordet 
ward von 

Hosea (9 J.), unter welchem das Nordreich dem 
assyrischen König Sargon erlag. 

Nun begreifen wir zwar vollkommen, dass dem 
jüdischen Volke die Geschichte seiner zehn Bruder- 
stämme trotz des Wenigen und Unrühmlichen, das uns 
überliefert ist, eine wertvolle nationale Erinnerung ist. 
Wir begreifen, ja wir bewundern des jüdischen Volkes 
Liebe und Verehrung für s e i n Schrifttum, seine Sagen 
und Dichtungen, seine Geschichte (wir Deutsche 
könnten von unsern jüdischen Mitbürgern sehr viel 
lernen für die Werthaltung unserer nationalen Heilig- 
tümer !), aber ich frage mich immer von neuem : wo findet 
sich auch nur die Spur eines Grundes, dass wir die Ge- 
schichte jenes seit Jahrtausenden ruhmlos untergegangenen 
palästinensischen Kleinstaates von Jahrhundert zu Jahr- 
hundert in unserm christlichen Religionsbuch mit 
uns herumtragen? Man lese nur einmal das neunte oder 
das bluttriefende zehnte Kapitel des zweiten Königs- 
buches, und man wird staunen über die Lethargie der 
Christenheit, dass sie Erzählungen von solchen echt 
orientalischen Bluttaten, wie sie noch heutzutage drüben 
gebräuchlich sind, fortfährt als integrierenden Bestandteil 
ihrer „heiligen" Schrift gedankenlos zu belassen. Sollen 
denn sogar die Sünden Israels höherer religiöser Be- 
achtung wert sein, als die anderer Völker? Ja, wenn sich 
das Gericht Gottes über dieses Volk, das Jahve vor 



— 42 — 

allen Völkern der Erde „auserwählt" und durch Jahr- 
hunderte hindurch unter seine besondere Leitung ge- 
nommen hatte, und das ihn trotz alledem so ganz und 
gar treulos verliess, in einer Weise vollzogen hätte, die 
allen Völkern der Erde zu ewiger Warnung dienen 
könnte ! Aber Israels Endgeschick war kein anderes als 
das seiner Nachbarstaaten Hamath und Damaskus, und 
lehrt uns deshalb nicht weniger, aber auch nicht mehr, 
als dass eben alle Völker der Erde dahinmüssen, wie das 
Alte Testament lehrt, „durch Gottes Zorn". Und sollte man 
etwa sagen : Ja, diese Geschichte Israels ist der finstere 
Hintergrund , auf welchem sich ' strahlend die Tätigkeit 
der Propheten abhebt, so ist zu erwidern einmal, dass 
uns von Elia und Elisa überhaupt wenig mehr als 
orientalische Wundergeschichten überliefert sind, und 
dass es zum Verständnis der prophetischen Reden eines 
Arnos und Hosea vollkommen ausreichen würde, wenn 
in wenigen Zeilen Einleitung auf die Zustände, unter 
denen sie gesprochen wurden, hingewiesen würde. Die 
Geschichte des Zehnstämmereiches bildet ein flüchtiges, 
kaum gesprossenes, so schon verwelktes Blatt an dem 
Baume der menschlichen Generationen, um nichts besser, 
eher um vieles geringer als manche andere, und wenn 
es sich — ich wiederhole es — für das jüdische Volk 
geziemt, alle Erinnerungen an ihre nun seit mehr denn 
2 l / 2 Jährtausenden verschollenen Bruderstämme als ge- 
schichtlich wertvoll treu zu bewahren, so können 
von uns Kindern der neutestamentlichen Zeit, der abend- 
ländischen Christenheit die langen Kapitel des Königs- 
buches wie der Chronik, desgleichen die das Buch Josua 
füllenden Erzählungen über die Einnahme und Grenzen 
der zehn Stammesgebiete u. s.w. keinerlei tieferes, ge- 
schweige denn irgendwelches religiöses Interesse be- 
anspruchen. 



— 43 — 

Auch noch eine andere Betrachtung drängt sich auf. 
Mit Recht hat man gesagt, dass die Religion Judas, so wie 
sie schliesslich geworden ist, uns angeht s ). Gewiss! 
Für das Volk Juda mag alles, was zur Geschichte seiner 
Religion und deren Ausübung gehört, grosse Bedeutung 
haben, aber für uns Christen, die wir Kinder sind einer 
schlechthin neuen Zeit, die herausgeboren ward aus 
langem, endlich siegreichem Ringen occidentalischen 
Geistes mit altorientalischem, hat der jüdische Jahve- 
kult mit seinen Tempeldienst- und Opfervorschriften 
und all seinem buntscheckigen Zubehör auch nicht ein 
Deut höheren antiquarischen, archäologischen, geschicht- 
lichen Interesses, als jener der Phönikier, Babylonier 
oder Griechen, geschweige denn religiöse Bedeutung. 
Auch Israels Opferkult im Tempel auf Zion bildet nicht 
etwa die Etappe eines Heilsweges, sondern gehört mit 
zu den allgemein menschlichen Ab- und Irrwegen 
zur Erlangung des göttlichen Wohlgefallens. Die edlen, 
grossen, freien Geister des hebräischen Volkes haben 
es selbst mit ergreifenden Worten ausgesprochen, dass 
Gott kein Gefallen hat an Tausenden von Widdern 
oder zahllosen Bächen von Oel, sondern dass er das 
Herz ansieht, dass ihm ein zerschlagenes Herz das 
liebste Opfer ist. Nun wohl! Sollen wir trotz dieser 
hohen und reinen Erkenntnis, zu der sich, wie mein 
Schlussvortrag zeigen wird, sogar schon edle Geister 
Babyloniens durchgerungen hatten, die ganzen grossen 
Abschnitte des althebräischen Schrifttums (näher: des 
2. , 3. , 4. , 5. Buches Mosis) , welche diesen wahrhaft 
„heidnischen", äusserlichen Formen der Gottesverehrung 
mit ihren Hekatomben von Brandopfern, ihrem Räucher- 
werk und Salböl, ihrem vielgegliederten Priestertum 
und dessen bis in das kleinste und feinste Detail aus- 
geklügelter Garderobe gewidmet sind, noch Jahrhundert auf 



— 44 — 

Jahrhundert nach Christi Geburt mit uns herumtragen? Es 
sind das doch alles überwundene, antiquierte, nur noch 
historischen Wert besitzende Formen der Gottesverehrung, 
von welchen sich das jüdische Volk selbst 
grossenteils emanzipiert hat und welche zwar 
hohen archäologischen und religionsgeschichtlichen 
Wert in sich tragen, aber für uns Christen allen und 
jeden religiösen Wertes ermangeln, für uns, die wir Gott 
sei Dank als unsere eignen Priester ungehinderten Zu- 
gang zu dem lebendigen Gott, unserm Vater, besitzen, 
und die wir wissen, dass Gott Geist ist und im Geist 
und in der Wahrheit angebetet sein will. Wer nicht 
nach Jesu wahrhaft göttlicher Lehre tut, der mag diese 
althebräischen und daneben wohl auch altbabylonischen 
Kultusbräuche beibehalten, aber die wahren Jünger Jesu 
haben nichts länger zu schaffen mit all jenem von 
Propheten und Psalmisten selbst verworfenen äusseren 
Flitterstaat. 

Und noch eine Folgerung anderer Art sei in Ver- 
bindung mit der Darangabe des Dogmas der Verbal- 
inspiration hier kurz angedeutet. Sie betrifft die 
Erzählungen von allerlei Gottesoffenbarungen und Ver- 
heissungen aus alter und ältester Zeit, welche nunmehr 
in Uebereinstimmung mit der auch sonst im alttestament- 
lichen Schrifttum und besonders innerhalb des Pentateuchs 
zu machenden Beobachtung einer von der Gegenwart und 
erhofften Zukunft aus rückwärts blickenden und rück- 
wärts schliessenden Geschichtsdarstellung verstanden 
werden dürfen. Die Folgerung ist insofern bedeutsam, 
als sie einer historischen Beurteilung von Israels „Aus- 
erwähltheit" mit die Wege ebnet. Die hebräische 
Geschichtsschreibung sieht in dem Untergang der beiden 
Reiche Israel und Juda die Strafe Jahves dafür, dass 



— 45 — 

sie ihm nicht gedient, wie er wollte (die analoge Ge- 
schichtsauffassung finden wir bei den Babyloniern), 
und trägt infolgedessen eine Fülle von diesbezüglichen 
göttlichen Warnungen und Drohungen zurück bis in 
die ältesten Zeiten des israelitischen Volks. Sie lässt 
später eingetretene Ereignisse schon lange vorher von 
Propheten verkündet werden, sogar mit Nennung ganz 
spezieller Namen, wie z. B. 1 Kö. 13, 2 ein Prophet 
den König Josia vorausschaut und nennt, der erst Jahr- 
zehnte später regieren sollte. Wenn die führenden 
Geister Israels das ganze mosaische Gesetz in allen seinen 
Bestimmungen, den ältesten wie den jüngsten, schon am 
Sinai von Jahve offenbart sein lassen (kein Kenner der 
Geschichte wird ihnen darob einen Vorwurf machen) 9 ) und 
selbst die verhältnismässig jüngeren Kultusinstitutionen 
samt allen den subtilen Bestimmungen in bezug auf Opfer- 
arten, priesterliche Funktionen, Einkünfte u. s. w. bis 
in die Zeit des Wüstenzuges zurückdatieren; wenn auf 
der einen Seite berichtet wird, dass die Israeliten ausser- 
stande waren, den Tempel zu Jerusalem herzustellen, 
sowohl den Bau des Hauses als solchen, als auch seine 
Ausstattung mit Metallwerken etc., dass sie vielmehr ganz 
und gar und namentlich für die Metallarbeiten auf phöni- 
kische (sidonisch-tyrische) Beihilfe angewiesen waren, 
andrerseits aber ausführlich, zum Teil unter Nennung von 
Namen (Bezalel, Oholiab) erzählt wird, wie die israeli- 
tischen Nomaden schon in der Wüste zwei goldene Keru- 
bim, einen goldenen Tisch und goldenen Leuchter, 
Räucheraltar und Brandopferaltar, alles in denkbar kunst- 
vollster Weise, dazu mannigfachste Altargeräte aus 
Erz: Aschentöpfe, Schaufeln, Gabeln hergestellt hätten 
(2 Mo. 31, 1—11. Kap. 35— 39), so kann es nicht 
wundernehmen, dass diese nämliche Geschichtsschreibung, 
die gewohnt war, das Volk Israel zum Mittel- und Zielpunkt 



— 46 — 

aller Weltgeschicke und Gottesfügungen zu machen, in 
gleich rückblickender Weise spätere wirklich errungene 
Erfolge schon von Uranfang an vorherbestimmt und 
die Erfüllung nationaler Zukunftshoffnungen schon in 
der ältesten Zeit verheissen werden lässt. Vgl. z. B. 
1 Mo. 9, 25, wo der ganz unschuldige Kanaan, der 
Sohn Ham's, für die Sünde seines Vaters mit den Worten 
verflucht wird: „Verflucht sei Kanaan, 'ein Knecht der 
Knechte werde er seinen Brüdern", womit die Eroberung 
Kanaans durch die semitisch-hebräischen Nomaden von 
Urzeit her sanktioniert war. 



Soweit dieser Exkurs, zu welchem die Ausführungen 
meiner theologischen Kritiker die Anregung gegeben. 
Ich selbst gab ihnen in anderer Weise durch meinen 
zweiten Vortrag Anlass zu langen und mannigfachen 
Exkursen über den modernen Offenbarungs- 
begriff, indem ich in einer Anmerkung die Annahme 
einer „menschlich vermittelten, sich allmählich ge- 
schichtlich entwickelnden Offenbarung Gottes" eine 
„Verwässerung" des hergebrachten, altkirchlichen und 
vom Alten Testament selbst in Anspruch genommenen 
Offenbarungsbegriffes genannt hatte. Vor allem sind 
es die liberalen Theologen, die mir das sehr übel 
genommen haben. Eine wahre Hochflut von Beleh- 
rungen über den neueren und neuesten theologischen 
Offenbarungsbegriff ergoss sich über mich. Ich danke 
für sie alle mit dieser Kollektivquittung. Sie waren, was 
mich betrifft, nutz- und zwecklos geschrieben; höchstens 
hätte ich nie geahnt, dass die Mannigfaltigkeit der 
Definitionen des Wortes und Begriffes „Offenbarung" 
eine so grosse wäre. Mehr als ein liberaler Theologe 



— 47 — 

warf mir vor, dass an mir „die ganze jetzt schon über 
hundert Jahre alte Arbeit der neueren protestantischen 
Theologie fast spurlos abgeglitten" sei, und dass ich 
nicht wisse, in welch „vergeistigter" Weise gegenwärtig 
der Offenbarungsbegriff gelehrt und geglaubt werde. 
Aber meinen diese Kritiker wirklich, ihrem Leser- 
kreis weismachen zu können, dass ein Mann, der sechs 
Jahre seines Lebens der Erforschung der indischen 
Religion gewidmet, seit seinem 22. Lebensjahre die 
unter Anleitung der damals gefeiertsten Alttestamentier 
begonnenen alttestamentlichen Studien unablässig fort- 
gesetzt und dann seine religionsgeschichtlichen For- 
schungen auf den Koran und die babylonisch-assyrische 
Keilschriftliteratur ausgedehnt hat, nicht wissen solle, 
was ein Student der evangelischen Theologie schon im 
ersten Semester erfährt? Jene Kritik war um so un- 
gerechtfertigter, als man gleichzeitig zugeben musste, 
dass ich mit meinen, in ebenjener Anmerkung ge- 
brauchten Worten: „ich glaube, dass wir es im Alten 
Testament mit einem gleich allem Irdischen von Gott 
gewirkten oder zugelassenen . . . Entwickelungsgang zu 
tun haben", mich selbst zu dem Glauben an „eine in der 
Geschichte sich vollziehende Offenbarung Gottes" (vgl. 
oben S. 34 Anm.) offen bekannt hatte. In der Tat 
hege ich die feste Glaubensüberzeugung, dass Gott 
wie in der Natur und in uns selbst, nämlich in unserm 
Gewissen und in dem Verlangen unseres Herzens nach 
Ihm, so auch in der Geschichte sich uns offenbart, 
das heisst: sich von uns erkennen lässt, in der Ge- 
schichte durch sein alle Menschen und Völker um- 
fassendes, auf immer höhere Vervollkommnung ab- 
zielendes planvolles Walten, wie mir z. B. Alexander der 
Grosse mit besonderer Deutlichkeit als ein Werkzeug solch 
göttlichen Waltens erscheint. Ich treffe also mit jenem 



— 48 — 

Urteil „Verwässerung" in gewisser Hinsicht meinen eignen 
Standpunkt! Trotzdem muss ich jenes Urteil um der 
Wahrheit willen aufrecht halten. Denn jedermann wird 
zugeben, dass gegenüber den im Alten Testamente 
selbst erzählten persönlichen Offenbarungen Jahves im 
Dornstrauch am Berge Horeb (2 Mo. 3) oder am Sinai 
unter Donner und Blitz, gegenüber Jahves an Mose „von 
Angesicht zu Angesicht" (2 Mo. 33, 11) gerichteten Reden 
und gegenüber allen den übrigen sinnenfälligen, sicht- 
und hörbaren Gottesoffenbarungen im Alten Testament 
jede symbolische Aus- und Umdeutung etwa in „eine 
grosse Gottesoffenbarung in der Geschichte des jüdischen 
Denkens und Lebens" Menschenwerk ist, wohl eine 
„Vergeistigung", aber dies doch nur in den Grenzen des 
beschränkten, voreingenommenen, irrtum-unterworfenen 
Menschengeistes 10 ), wie ja auch Gunkel (S. 15) zugibt, dass 
neue Tatsachen uns jeden Augenblick nötigen können, 
unsere Anschauungen von Gottes Wegen in der Geschichte 
zu ändern. Das meinte ich mit dem Ausdruck „Ver- 
wässerung". Indes bezeichne man jene Umdeutung 
oder Umprägung des Offenbarungsbegriffs wie man 
wolle — die Hauptsache wird bleiben, an Gottes Offen- 
barung in der Geschichte nicht den Massstab unseres 
kurzsichtigen Menschenverstandes zu legen. Halten wir 
daran fest, dass der allgütige Gott die Völker und Menschen 
aller Zeiten und des ganzen Erdkreises mit gleicher 
Vaterliebe umfasst, dass er sich von ihnen allen suchen 
und je nach ihren Naturanlagen, Lebensbedingungen, 
Entwickelungsstufen finden und erkennen lässt. Es sind 
wahrhaft schöne Worte, die wir bei Gunkel (a. o. O., 
S. 15 f.) lesen: 

„Wir erkennen freudig und ehrlich Gottes Offenbarung 
überall da, wo sich eine menschliche Seele ihrem Gott nahe 
fühlt, und sei es unter den dürftigsten und sonderbarsten 



— 49 — 

Formen. Fern sei es von uns, Gottes Offenbarung auf 
Israel zu beschränken! ? Ausgestreuet ist der Samen über 
alles weite Land!' Wie viel grossartiger als die modernen 
Orthodoxen haben doch hierin die Väter der christlichen 
Kirche gedacht, die in den grossen und edlen Heroen der 
griechischen Philosophie Träger des überallhin zerstreuten 
Samens des göttlichen Wortes gesehn haben. Machen wir 
Christen doch ja nicht die Unart des Judentums mit, das 
seinen Gott zu ehren glaubte, indem es alle übrigen Reli- 
gionen verhöhnte und verlästerte." 

Aber wenn dann ebendort S. 37 f. gleichwohl mit 
Nachdruck betont wird: „Israel ist und bleibt 
das Volk der Offenbarung", so zwingt das jeden 
Denkenden zur Prüfung, wie und ob solcher Wider- 
spruch wohl zu lösen. Nun weiss ich freilich, dass die 
meisten Theologen im Offenbarungsbegriff eine Art 
alter Priesterweisheit sehen, die den „Laien" nichts an- 
geht, wie denn etliche Assyriologen den Segen Gunkels 
erhalten haben, dass sie die Offenbarung den „Theo- 
logen von Fach" überlassen 11 ). Indes, die Menschen 
sind nun einmal verschieden. Ich für meine Person 
bin der Ansicht, dass, wenn wir selbst und unsere Kinder 
in Schule, Konfirmandenunterricht und Kirche in der 
„Offenbarung" unterwiesen werden, es nicht nur unser 
Recht, sondern unsere Pflicht ist, über diese ernsten 
Fragen, die doch auch eine eminent praktische Seite 
haben, selbständig nachzudenken, schon um unsern 
Kindern nicht „ausweichend" antworten zu müssen. 
Ebendeshalb wird es vielen Wahrheitssuchenden nur 
willkommen sein, wenn durch die babylonisch-assyrische 
und alttestamentliche Forschung im Verein das Dogma 
einer Israel zuteil gewordenen besonderen „Auserwählt- 
heit" in das Licht einer höheren und weitherzigeren 
Geschichtsbetrachtung gerückt werden wird. 

Delitzsch , Babel und Bibel. Rück- und Ausblick. 4 



— 50 — 

So hat die von mir in meinem zweiten Vortrag 
erwähnte Parallele der persönlichen Offenbarung der 
Gottheit in Babel wie Bibel, speziell der beiden Ge- 
setzesoffenbarungen, ein grosses theologisches Feuer 
angezündet, was ich selbst nimmer beabsichtigt hatte, 
das aber, da es ja doch nur der Läuterung unseres 
Glaubens dienen kann, nicht zu beklagen ist. Mir 
persönlich war es um nichts als um die Parallele 
zu tun , dass wie Hammurabi seinen Gesetzeskodex 
direkt vom Sonnengott empfangend sich darstellt, so 
auch Moses nach dem Wortlaut des Alten Testamentes 
die ganze ungeteilte Thora von Jahve diktiert erhält, 
während beide Gesetzessammlungen ihre vielhundert- 
jährige Entwickelung hinter sich haben. Nicht einmal 
d i e Frage habe ich berührt, ob sich eine Abhängigkeit 
der mosaischen Gesetzgebung von der Hammurabi'schen 
nachweisen lasse, ebensowenig — weil ausserhalb des 
Rahmens meiner Vorträge liegend — die Frage, ob die 
mosaische oder Hammurabi'sche Gesetzgebung als die 
juristisch und sittlich höherstehende anzusehen sei. Es 
wäre gar nicht verwunderlich, wenn die um mehr als ein 
Jahrtausend jüngeren mosaischen Gesetze einen Fort- 
schritt auch in ethischer Hinsicht aufweisen würden. 



Man hat jüngst die „Babel und Bibel "-Frage eine 
„ernste, welterschütternde" genannt und mit Recht. Es ist 
nur schade, dass es bei gewissen Einwänden übereifriger 
Theologen schwer hält, immer ernsthaft zu bleiben. Ich 
meine insonderheit die Entgleisungen Königs und 
Oettlis, welche glaubten, den sittlichen Monotheismus 
Israels nicht allein bei den Propheten, sondern auch inner- 
halb des Volkes Israel nachweisen zu sollen und sich 



— 51 — 

darum auf eine Vergleichung des sittlichen Niveaus der 
Babylonier und Israeliten einliessen. Dieser Versuch wurde 
bereits in meinem zweiten Vortrage zurückgewiesen, und 
ich würde hier auf ihn nicht zurückkommen, wenn mir 
dadurch nicht Anlass geboten würde, andere Fragen von 
grösserer Tragweite anzuregen. 

Schon rein theoretisch betrachtet war jener Versuch 
ein Missgriff, insofern bekanntlich eine höhere Stufe 
religiöser Erkenntnis für das sittliche Niveau eines 
Volkes durchaus nicht massgebend ist (beschämende 
Belege liegen auch für die christlichen Völker nahe 
genug), und selbst wenn es der Fall wäre, könnte von 
Israel Aussergewöhnliches nicht erwartet werden, da 
dort eine reinere Gottesanschauung überhaupt nur ver- 
hältnismässig wenigen, in erster Linie den Propheten, 
eignete. Dazu kommt, dass bei einer solchen Vergleichung 
des judäisch-israelitischen und babylonisch-assyrischen 
sittlichen Niveaus einzig und allein die vorexilische Zeit 
Israel-Judas in Betracht kommt. Hier aber hätten viele 
im Alten Testament erzählte Geschehnisse aus Kriegs- 
wie Friedenszeiten um so eindringlicher zur Vorsicht 
und Zurückhaltung mahnen sollen, als mitunter die 
verblüffende Ausführlichkeit der Schilderungen, ja wohl 
sogar Glorifizierung jener Taten seitens der hebräischen 
Ueberlieferung noch in besonderem Masse nachdenklich 
stimmt. Die Propheten Israels in Ehren! Sie bleiben 
mit ihren ernsten, strengen Predigten zu Sittenreinheit, 
Recht und Gerechtigkeit, mit ihrem heiligen Eifer für 
den Gott ihrer Väter, ihrem auch vor Königen nicht 
verleugneten Ueberzeugungsmut, ihrem glühenden 
Patriotismus für alle Zeiten ein leuchtendes Vorbild — 
aber im Volke Israel alles rosig erblicken, das baby- 
lonische Altertum dagegen durch die gelben und trüben 
Gläser missgünstiger Voreingenommenheit betrachten 



— 52 — 

und auf diese Weise Gerechtigkeit und Wahrheit mit 
Füssen treten — das geht nicht an. Es ist eine wohl- 
feile Spekulation auf die Urteilslosigkeit der grossen 
Menge, derselben fortwährend vorzureden, dass ich für 
„meine" Babylonier parteiisch eingenommen sei, viel- 
mehr hat die Begeisterung, die ein ausgezeichneter Kenner 
der griechisch-römischen wie deutschen Literatur auf dem 
Gymnasium in mir gerade für die hebräische Sprache 
und Literatur geweckt hat, niemals eine Minderung er- 
fahren, und im übrigen kommt eine wahrheitsgemässe 
Beurteilung der Babylonier bei deren naher Verwandt- 
schaft mit den Hebräern doch auch diesen letzteren nur 
zugute. So wenig es ' uns einfallen wird , alle Eigen- 
schaften und Taten unserer germanischen Altvordern 
zu beschönigen, etwa die Taten Karls des Grossen samt 
und sonders um jeden Preis in Schutz zu nehmen, so 
wenig wird es irgend einem Nachkommen des alt- 
testamentlichen Volkes in den Sinn kommen, die raffinierte 
Tat Davids gegen Uria, seine Handlungsweise gegen 
Simei, den Leichtsinn, mit welchem Amazia, der fromme 
König von Juda, den Bruderkrieg mit Israel vom Zaune 
brach (2 Kö. 14, 8 ff.), zu bemänteln oder wohl gar 
den Lobgesang auf die allem Gastrecht hohnsprechende 
Ermordung Siseras durch Jael, die Kenitin (Ri. 4. 5), zu 
billigen. Viele unserer christlichen Theologen sind nicht 
selten jüdischer wie die Juden selbst und richteten vor 
allem in früheren Zeiten mit dem Missbrauch des Wortes 
„heilsgeschichtlich" eine gründliche Verwirrung in sitt- 
lichen Fragen an. Wir verurteilen, wir verabscheuen 
die barbarische Kriegführung der Assyrer, vor allem auch 
ihre an den unglücklichen Gefangenen geübten Ver- 
stümmelungen, aber wir möchten auch nicht die den 
Kindern Israel befohlene und von ihnen nach Kräften 
vollzogene Ausrottung der „sieben grossen und 



— 53 — 

starken Völker" damit beschönigen, dass jene Völker 
wegen ihrer Gottlosigkeit etwas Besseres nicht verdient 
hätten, oder zu solch kindlichen und rührseligen, 
überdies äusserst bedenklichen Worten unsere Zuflucht 
nehmen, wie sie in einem „Sions Türmer" unterzeich- 
neten Artikel des „20. Jahrhunderts" (vom 14. März 1903) 
zu lesen waren: „Die Babylonier und Assyrer führten 
grausame Kriege aus Eroberungslust und Herrschsucht 
[welch oberflächliches Urteil!], Israel, es hatte nicht 
Raum, nicht Nahrung in der Völkerkammer Asiens, und 
so musste es notgedrungen ein Land sich schaffen." 
Wir möchten auch nicht die Erzählung Richter 1 , 6, 
derzufolge dem besiegten Kanaanäerkönig Adoni-Bezek 
die Daumen und grossen Zehen abgeschnitten wurden, 
mit den schnöden Worten begleiten: „nur die Daumen". 
Politik und vor allem Krieg und Ethik sind ja bis auf 
diesen Tag unversöhnliche Gegner geblieben, und wenn 
König und Oettli die Worte urgieren, welche die Um- 
gebung Benhadad's von Damaskus zu diesem spricht 
(1 Kö. 20, 31): „Siehe doch, wir haben gehört, dass 
die Könige des Hauses Israel milde Könige sind," so 
haben sie damit wenig besonnen gehandelt. Denn 
einmal vergessen sie, dass Jahve selbst von solcher 
Milde oder Schwäche gegenüber dem Feinde nichts 
wissen will, vielmehr Ahab diese seine Milde, mit der 
er Benhadad und dessen ihm verfallenen Leute freigab, 
mit seinem und seiner Leute Leben büssen lässt. So- 
dann nötigen sie, umgekehrt daran zu erinnern, dass 
das Königsbuch mit einem hervorragenden babyloni- 
schen Gnadenakt schliesst, indem dort (2 Kö. 25, 27 ff.) 
die Befreiung des judäischen Königs Jojachin aus 
langer Kerkerhaft durch Evilmerodach, den Sohn Nebu- 
kadnezars, berichtet wird. Endlich aber zwingen sie 
leider, an alttestamentlichen Stellen zu zeigen, wie es 



— 54 — 

mit der Milde der Könige Israels in Wahrheit beschaffen 
war. Ich zitiere die Stellen, wie man sofort sehen wird, 
zu einem höheren Zwecke. 

2 Sa. 8, 2: „Und David schlug Moab und mass sie 
mit der Messschnur, indem er sie auf die Erde sich legen 
liess, und er mass zwei Abteile zum Töten und den Inhalt 
des dritten Abteils zum Lebenlassen, und es ward Moab 
David zu tributbringenden Knechten." 

1 Kö. 11, 16: „Sechs Monate waren zu Davids Zeit 
Joab und ganz Israel in Edom und vertilgten alles Männliche 
in Edom." 

Und vergleiche nun erst gar, was von Menahem 
von Israel nach der Einnahme von Tifsach erzählt wird 
(2 Kö. 15, 16)! Nichts wäre ungerechter, als wollte 
man die israelitische Kriegführung als besonders hart 
verurteilen — solche Kriegsbräuche waren von uralters 
her in und an der grossen syrisch-arabischen Wüste 
heimisch und sind es bis auf diesen Tag geblieben. 
Nur muss man gerecht sein und es seitens der Moabiter 
und Edomiter (vgl. auch 2 Kö. 14, 7) nicht für so gar 
ungeheuerlich halten, wenn sie bei sich darbietenden 
Gelegenheiten Rache nahmen, wenn z. B. die Edomiter, 
als Jerusalem den Heeren Nebukadnezars zum Opfer 
fiel, zu der Zerstörung Jerusalems mithalfen, an den 
Flüchtlingen Judäas sich vergriffen und sein entvölkertes 
Gebiet besetzten. Man wird in Zukunft, wenn sich 
eine historische Betrachtungsweise des alttestamentlichen 
Schrifttums mehr und mehr Bahn gebrochen haben 
wird, kaum mehr verstehen können, wie man zwei Jahr- 
tausende hindurch diese kleinen semitischen Stammes- 
eifersüchteleien und -Streitigkeiten mit all ihren häss- 
lichen Beigaben von Hass, List, Grausamkeit hüben 
wie drüben so ernst nehmen konnte, wie sich die 
Exegese dergestalt verirren konnte, J a h v e s Volk Israel 



— 55 — 

als das Volk Gottes und weiter als das Symbol der 
Kirche zu glorifizieren, dagegen Moab und Edom als die 
typischen Feinde des Gottesreiches und der Kirche Christi 
zu verdammen, und wie infolge solcher Missdeutung die 
von patriotischer Begeisterung durchflammten, rhetorisch 
hochpoetischen, aber von leidenschaftlichem Hasse gegen 
alle Völker ringsum erfüllten Ergüsse der israelitischen 
Propheten zwei Jahrtausende hindurch Bestandteile eines 
Religionsbuches blieben, das doch in allererster Linie 
der sittlichen Erziehung und religiösen Erbauung zu 
dienen bestimmt ist. Wo ist z. B. in der Rede des 
Propheten Obadja gegen Edom auch nur ein religiöses 
Moment, das für uns von Bedeutung wäre — schöne, 
beredte Sprache, aber objektiv betrachtet eine sehr un- 
gerechtfertigte Verdammungspredigt gegen das „ver- 
achtete" Edom, dessen Handlungsweise nur natürlich 
erscheint, wenn man sich an Israels Tun gegen Edom 
erinnert. Ich bin in der Tat erfreut, aus Fr. Giese- 
b rechts Mund (im „Nachwort" seiner Schrift Friede für 
Babel und Bibel) die Worte zu lesen, dass ich in diesem 
meinem Kampf „gegen die ungeschichtliche Auffassung 
der Offenbarung, welche Altes und Neues Testament 
blind durcheinander wirft und dadurch ein unbefangenes 
Verständnis der stark national gefärbten Religion des 
Alten Testaments unmöglich macht", „der Zustimmung 
aller Historiker sicher" fein darf. Wenn aber der nämliche 
Theolog jenen althebräischen Prophetenreden wie dem 
Buch Obadja oder Jes. 25, 10 f., 34, 1 ff., 63, 1—6 (siehe 
Anm. 21 meines zweiten Vortrags, neue Ausgabe) die 
„Schmerzensschreie" E.M.Arndts vergleicht, indem er 
die Befreiungskriege auf Eine Stufe stellt mit jenen 
kleinen israelitisch-edomitischen Fehden, an denen ein 
Teil genau so schuldig war wie der andere, so sehe er 
selbst zu, wie er diesen Vergleich vor sich rechtfertige. Und 



— 56 — 

wie hinkt derselbe obendrein, da doch Arndts Vaterlands- 
lieder als Religionsbuch niemals gedient haben, obwohl 
sie wahrlich grösseres Anrecht darauf hätten, von unsern 
Knaben allmorgendlich zur Schule getragen zu werden, 
als jene politischen Kampfreden, deren beide Parteien 
seit Jahrtausenden untergegangen sind im Strom der 
Geschichte ! 

Da der Prophet Habakuk (2, 17, vgl. auch Jes. 14, 8. 
37, 24) von einem „Frevel" spricht, den der Chaldäer- 
könig durch Fällen der Zedern des Libanon für seine 
Palast- und Tempelbauten begangen, so lassen König 
und Oettli ein Klagelied ob Babels grosser Schandtat 
ertönen und vergessen dabei, dass doch der Tempel auf 
Zion ebenfalls mit einer Unmasse von Libanonzedern 
erbaut war, und Salomo ein grosses Palastgebäude 
geradezu „Haus des Libanonwaldes" benannte. Ja 
König geht in seinem wahrhaft blinden Eifer so weit, 
dass er (S. 57) etlichen sinnlos zusammengewürfelten 
Keilschriftstellen gegenüber, zwecks erneuter Herab- 
setzung des sittlichen Niveaus Babyloniens, 5 Mo. 20, 
19 f. hervorhebt, wonach bei der Belagerung einer Stadt 
fruchttragende Bäume geschont werden sollen, ob- 
wohl ihm sicherlich 2 Kö. 3 wohlbekannt ist, wo Elisa 
im Auftrage Jahves den drei verbündeten Königen 
Israels, Judas und Edoms auf ihrem Zug wider Moab 
den Rat erteilt (v. 19): 

„Und ihr sollt schlagen jede befestigte Stadt und jede 
erlesene Stadt und jeden Fruchtbaum sollt ihr fällen 
und alle Wasserquellen verstopfen und das ganze fruchtbare 
Gebiet mit Steinen verderben", 

was denn auch ausgeführt wurde (v. 25). Es scheint 
mir, dass wir den alttestamentlichen Propheten, die doch 
auch Menschen waren, keinen schlechteren Dienst er- 
weisen können, als jedes ihrer Worte für unbedingte, 



— 57 — 

auch für uns unverbrüchliche Wahrheit zu halten. Ueber 
den Zeitverhältnissen und Parteien stehend, sind wir 
berufen, unbefangener zu urteilen und, dank unserm 
weiteren Gesichtskreis, z. B. was die Religion der 
Babylonier betrifft, auch gerechter. Auch für die pro- 
phetischen Schriften und für die Psalmen scheue man 
sich nicht vor historisch-kritischer Sichtung: an echt 
goldenen Sprüchen voll religiöser Tiefe und 
sittlichen Ernstes und kostbarer Lebens- 
weisheit verbleibt dem alttestamentlichen 
Schrifttum immer noch ein grosser und wert- 
voller Schatz. 



Ein besonderes Wort drängt es mich zum Schluss 
an meine jüdischen Kritiker zu richten 12 ), deren Ent- 
gegnungen ja leider infolge übergrosser „nationaler" 
Voreingenommenheit die ruhige, streng sachlich wissen- 
schaftliche Beurteilung nicht selten vermissen lassen. 

Allzuviel bleibt ja nach den vorausgehenden Er- 
örterungen nicht mehr übrig zu sagen, zumal da ein Haupt- 
punkt von grundlegender Bedeutung: die Pentateuch- 
kritik von jeder Diskussion ausgeschlossen bleiben muss. 
Niemand wird es einfallen, von unsern jüdischen 
Mitbürgern den Verzicht auf ihren Glauben an die Ein- 
heitlichkeit und Göttlichkeit der fünf Bücher Mosis, 
d. i. der Thora, zu verlangen oder flugs zu erwarten. Aber 
so wenig die christliche wissenschaftliche Theologie 
davor zurückschreckt, an das neutestamentliche Schrift- 
tum mit allen Mitteln der historisch-kritischen Forschung 
heranzutreten, um Jesu Leben und Lehre immer reiner 
und lauterer aus der Durchsetzung mit allerlei mensch- 
lichen Zutaten herauszulösen, so wenig kann das Juden- 
tum ernsthaft die Meinung hegen, dass die die Wahrheit 



— 58 — 

suchende Wissenschaft die fünf Bücher Mosis und das 
Alte Testament überhaupt für ewige Zeiten als ein 
Noli me tätigere betrachte, oder dass sie darauf ver- 
zichten werde, aus Erkenntnissen der Pentateuchkritik, 
die jetzt allgemein als unumstösslich anerkannt sind, die 
logischen Konsequenzen zu ziehen. Wir verstehen, wir 
achten die Pietät unserer jüdischen Gegner ihrem an- 
gestammten Religionsbuch gegenüber, wir verlangen 
aber ebenso gerechte Würdigung der einzig und allein 
auf Ergründung der Wahrheit abzielenden christlichen 
alttestamentlichen Forschung. 

Und noch ein andrer Punkt von fundamentaler 
Wichtigkeit kann und soll hier nur gestreift werden, 
indem ich nachdrücklich daran erinnere, dass mein 
Thema lautet: Babel und Bibel, nicht: Babel und Talmud, 
mit andern Worten : dass ich mich in meinen Vorträgen 
mit der Religion Israel-Judas ausschliesslich auf Grund 
des alttestamentlichen Schrifttums beschäftige 
und mit der jüdischen Tradition, wie sie später im 
Talmud gesammelt wurde, demgemäss auch mit dem 
modernen jüdischen Glauben nichts zu tun habe. Ich 
zweifle nicht, dass sich auch das jetzige Judentum, vor 
allem unter der Macht der christlichen Idee , zu dem 
Glauben an Einen alle Völker und Menschen mit 
gleicher Liebe, Langmut und Gerechtigkeit umfassen- 
den Gott bekennt, aber die alttestamentliche Gottes- 
anschauung war das nicht, konnte es gar nicht sein, 
und auch jetzt noch bleibt ein gewisser Widerspruch 
zwischen jener grossen, hoch- und weitherzigen Gottes- 
anschauung und dem Glauben an Israels besondere 
„Auserwähltheit" und an Israel zuteil gewordene be- 
sondere Gottesoffenbarungen (Thora) und Gottesver- 
heissungen. Dem israelitischen Monotheismus haftet 
eben trotz aller seiner allmählich zum Durchbruch 



— 59 — 

gelangenden höheren und reineren Gotteserkenntnis 
doch immer noch mehr oder weniger sein geschichtlich 
unleugbarer Ursprung aus Nationaltheismus 13 ) unlösbar 
an. Von jüdischer Seite selbst wird dies hundertfach be- 
stätigt. Neben vielen andern Briefen, die ich jüdischer- 
seits empfing, bleibt durch seine Offenheit ganz besonders 
wertvoll der von mir schon früher zitierte Brief eines 
hervorragend weit- und bibelkundigen Israeliten (vom 
H.Jan. 1903): 

„Unwiderlegbar ist Ihre Behauptung, der jüdische Mono- 
theismus sei ein egoistisch-partikularistisch-exklusiver, ebenso 
unwiderlegbar ist es aber meines Erachtens, dass es nur 
dieser ganz partikularistische Monotheismus vermocht hat, 
das Judentum durch Jahrtausende inmitten von Verfolgungen 
und Anfeindungen aller Art als Nation und Religion zu 
erhalten. Vom jüdischen Standpunkte aus besehen, hat sich 
also der Nationaltheismus glänzend bewährt; ihn aufgeben, 
heisst das Judentum aufgeben, und wenn dafür auch vieles 
spricht, so spricht doch auch manches dagegen." 

Das ist ein gerades, schönes Wort, welches schwerer 
wiegt als die wortreichsten Darlegungen in den land- 
läufigen Gegenschriften der Rabbiner, die immer wieder 
den im Alten Testament vermeintlich bezeugten uni- 
versellen Charakter des israelitisch-jüdischen Mono- 
theismus hervorheben, während in Wahrheit Jahve noch 
völlig gebunden ist in die Schranken „seines" Volkes. 
Nur in und durch Israel werden gesegnet werden 
alle Geschlechter der Erde (1 Mo. 12, 3). Das Eingehen 
in Israel ist die unerlässliche Vorbedingung des Zu- 
gangs zum wahren Gott für alle nicht-israelitischen 
Völker: „Und die Ausländer, welche sich anschliessen 
an Jahve, ihm zu dienen und zu lieben den Namen 
Jahves, ihm Verehrer zu sein — jeder, der beobachtet 
den Sabbath, ihn nicht zu entweihen, und die 



— 60 — 

festhalten an meinem Bund (d. i. der Thora), die werde 
ich bringen zu meinem heiligen Berge und sie fröhlich 
machen in meinem Gebethaus . . . denn mein Haus wird 
Gebethaus genannt werden allen Völkern" (Jes. 56, 5 f., 
ähnlich Jer. 3, 17. Zach. 8, 20 ff.). Am Ende der Tage 
aber wird Israel allein übrig geblieben und wieder- 
gebracht sein nach Jerusalem und dem Tempel auf 
Zion, alle übrigen Völker in Israel aufgegangen oder 
gerichtet und vernichtet (Joel 4, 2. 9—21. Zeph. 3, 9. 15). 
So rückhaltlos die Wissenschaft die relative Erhabenheit 
der israelitischen Gottesanschauung sonderlich in ihren 
jüngeren Stadien über die übrigen Religionen der alten 
Welt anerkennt, so entschieden muss sie dabei ver- 
harren, dass im grossen und ganzen der judäische 
Gottesglaube in die exklusiven Schranken des National- 
theismus und des nationalen Gesetzes eingeengt blieb, 
und dass erst Jesu Lehre, Leben und Tod diesen Bann 
gelöst und der hehrsten, idealsten Gottesanschauung, ge- 
paart mit der höchsten und edelsten Sittenlehre, zum 
Siege verholfen hat. Das Rad der Weltgeschichte lässt 
sich nicht zurückdrehen. 14 ) 

In den Aeusserungen meiner jüdischen Kritiker zur 
„Babel- und Bibel "-Frage habe ich manches Anregende 
gefunden, auch solches, was mich zum Nachbessern in 
einer oder der anderen Einzelheit veranlassen wird. 
Aber im allgemeinen kann ich ihnen nur selten bei- 
pflichten. Insonderheit finde ich so vielfach allerlei 
Scheingründe ins Feld geführt, denen auch blendende 
rhetorische Mittel nicht die mangelnde Beweiskraft zu 
ersetzen vermögen. Wenn z. B. zu gunsten des uni- 
versellen Charakters der Jahve-Religion mit dem Hinweis 
plädiert wird, dass Jahve doch das Universum, Himmel 
und Erde, geschaffen habe, so kann dies deshalb nichts 
beweisen, weil Marduk, der Stadtgott von Babylon, 



— 61 — 

bekanntlich ebenfalls als der Schöpfer Himmels und der 
Erde gilt. Vor allem hat die von mir (II, 36) erwähnte 
untergeordnete Stellung der altisraelitischen Frau gegen- 
über dem Manne eine Fülle solcher Scheingründe ge- 
zeitigt. Doch verstehe ich nicht, was der Hinweis auf 
das vierte Gebot oder auf die Prophetin Hulda und 
Samuels betende Mutter Hanna in dieser Frage bedeuten 
soll. Einer unsrer ersten Rabbiner glaubte sogar an das 
lange Verzeichnis von Garderobe-, Putz- und Toilette- 
gegenständen der israelitischen Dame Jes. 3, 18 ff. er- 
innern zu sollen. Darf und muss sich die arabische 
und türkische Frau nicht etwa auch anziehen und putzen? 
Das von mir hervorgehobene Wort der Thora: „Dreimal 
im Jahr soll all dein Männliches vor Jahve er- 
scheinen", besagt mehr als die weitläufigsten Darlegungen. 
Dass es auch in Israel, wie selbst bei den heutigen 
Beduinen gute, fromme und brave, gewiss auch recht 
energische Frauen in Menge gegeben haben wird — 
diese Tatsache zu bezweifeln, ist keinem Menschen je 
eingefallen. 

Wenn ich (II, 19) von der „Heiligkeit" wie der Sieben- 
zahl, so auch der Dreizahl bei den Hebräern sprach, 
so weiss jedermann, in welchem Sinne man von „heiligen" 
Zahlen spricht, desgleichen, dass mit der Aufzeigung 
babylonischer Parallelen zu diesen heiligen oder sym- 
bolischen Zahlen keinerlei Abhängigkeit der Bibel von 
Babel behauptet werden sollte. Die pathetischen Worte 
Klausners (Hie Babel — hie Bibel! 2. Aufl., S. 12): 
„Mit Verlaub! Bei uns Juden gibt es eine heilige Zahl 
überhaupt nicht. Für uns ist nur der einzig-einige Gott 
heilig", sind deshalb gegenstandlos. 15 ) Und angesichts 
der wirklich besonderen Rolle, welche die Dreizahl im 
alttestamentlichen Glauben, Kultus, auch Aberglauben 
spielt — ich erinnerte z. B. an das dreimal Heilig der 



— 62 — 

Seraphim und hätte weiter hinweisen können auf die 
Dreizahl der grossen Feste, den dreifach gegliederten 
aaronitischen Segen, ferner auf 1 Sa. 20, 41. 1 Kö. 17,21 
(dreimal reckt sich Elia aus über dem todkranken Kind 
der Witwe) u. a. St. mehr — konnte man sich den Witz 
von Goethes Beeinflussung durch Babel (vergl. „Röslein, 
Röslein, Röslein rot") getrost sparen. 

Ueberrascht bin ich, auf sprachlichem Gebiete 
so vielfacher Unzulänglichkeit zu begegnen. Kein Philo- 
loge kann und wird die Stelle 1 Mo. 3, 8 anders übersetzen 
als : „Da hörten sie die Stimme bezw. (vgl. 1 Kö. 14, 6) das 
Geräusch Jahve-Elohims, wie er sich im Garten erging 
zur Zeit des Wehens des Tages (folgt: da versteckte 
sich Adam und sein Weib vor Jahve-Elohim etc., da 
rief Jahve-Elohim etc.). Also: sie hörten Jahve zur 
Zeit der Abendkühle im Garten sich ergehen (vergl. 
II, 21). Wenn Klausner (S. 15 f.) mir auf Grund dieser 
wohl allen christlichen Exegeten gemeinsamen Inter- 
pretation „Entstellung des Bibeltextes", „tendenziöse Ein- 
schaltungen", „unbewusstes Hinzuerfinclen" und andere 
Liebenswürdigkeiten mehr vorwirft und dagegen als die 
„richtige" Uebersetzung angibt: „Sie vernahmen die 
Stimme Gottes des Herrn, die im Tageswehen sich er- 
hob", für die letztere Deutung auf 2 Mo. 19, 19 ver- 
weisend (!), so könnte ich ihn in einer hebräischen 
Elementarschule höchstens auf die letzte Bank neben 
Houston Stewart Chamberlain setzen, der sich mit seiner 
Uebersetzung von 1 Mo. 1,1: „Als zu Beginn die 
Dämonen das Erdreich und das Luftreich ausschieden" 
auch keine Lorbeeren gepflückt hat. Angesichts solch 
geringer hebräischen Sprachkenntnisse kann von Klausner 
natürlich nicht erwartet werden, dass er die von mir 
nachgewiesene Anwendung des babylonisch-hebräischen 
Wortes met „to+" auch für den Begriff: „dem Tode 



— 63 — 

verfallen" in ihrer philologischen Bedeutsamkeit erfasse, 
oder dass er es aufgebe, dem hebräischen Verbum halaq 
an der von mir (II, 40) zitierten Stelle 5 Mo. 4, 19 die 
Bedeutung „hinstellen" zu geben, die es niemals sonst hat. 
Und noch ein anderes will mir in der Haltung der 
führenden Männer des Judentums gegenüber den „Babel- 
und Bibel "-Fragen nicht recht gefallen — die Ueber- 
treibung. Der Gipfel solcher Hyperbel würde es sein, 
"wermsicE" bestätigen sollte, was die amerikanischen 
Blätter übereinstimmend berichteten, dass der Grossrabbi 
der Vereinigten Staaten sich an Seine Majestät unsern 
Kaiser gewendet habe mit der Anklage, dass „Babel und 
Bibel" die Schuld trage an dem Blutbade von Kischinew! 
Wenn H. S. Chamberlain seinen ganzen Spott über mich 
als Semitomanen ausgiesst, und die jüdischen Organe 
hinwiederum mich des Antisemitismus zeihen, so ist 
für jeden unbefangenen Beurteiler sofort klar, dass die 
Wahrheit in der Mitte liegt — in diesem Falle darin 
bestehend, dass von mir die Wahrheit ohne jede Vorein- 
genommenheit nur um ihrer selbst willen mit ernstem Be- 
mühen gesucht und erstrebt wird. — Bekanntlich hat Herr 
Doktor Hirsch Hildesheimer in einer Versammlung des 
Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 
erklärt, ich „habe das Heiligtum der Juden, die Bibel, 
angegriffen; auf Grund eines einzigen verwitterten 
Steintäfelchens, dessen Inschrift von jedem Gelehrten 
bisher verschieden ausgelegt wurde, werde der jüdischen 
Religion das Recht bestritten, sich als Mutter des 
Monotheismus, des reinen Gottesbegriffs, des Sabbaths, 
der zehn Gebote und andrer grundlegender Lehren und 
Institutionen anzusehen"; „ich habe vor brutalen Un- 
wahrheiten nicht zurückgeschreckt und durch meine 
Behauptungen das gesamte Judentum beleidigt." Ich 
möchte alle diejenigen, die diese Resolution eingebracht 



— 64 — 

und angenommen haben, bitten, sich mit allem Ernste 
zu fragen, ob hier auch nur Ein Wort dem Tatbestande 
entspricht. Die Anklage „brutaler Unwahrheiten" :;: ) 
prallt an monumentalen Tatsachen wirkungslos ab. Und 
wenn mich meine Forschungen — zum grossen Teil 
in Uebereinstimmung mit andern ernsten Forschern — 
zu einer von der althergebrachten verschiedenen Wert- 
schätzung des althebräischen Schrifttums in seiner Geltung 
als religiöser Kanon und integrierender Bestandteil 
unserer christlichen Bibel gelangen Hessen, nun so seht 
ihr doch, dass sich zwischen euch und uns, obwohl 
wir an denselben „Einen, Einigen Gott" glauben und 
in Uebung der allgemeinen Menschenliebe mit einander 
wetteifern, ein Gegensatz historisch herausgebildet 
hat. Muss es da nicht Verstand und Herz gleicherweise 
reizen, dem historischen Ursprung solchen Gegen- 
satzes zwischen Judentum und Christentum nach- 
zuspüren, um mittels klarer Erkenntnis des Grundes 
wenigstens die Möglichkeit der Heilung des Risses an- 
zubahnen? Und sagt euch nicht euer Verstand immer von 
neuem, dass, wenn das, was ich vorgetragen habe und noch 
vortragen werde, falsch ist, es wie Spreu vom Winde verweht 
werden wird, dass dagegen gegenüber neuen Erkennt- 
nissen auf Grund monumentaler Zeugnisse kein Protest 
die alten Anschauungen auf die Dauer zu halten vermag? 



*) Herr Rabbiner Dr. S. M a y b a u m schrieb in der Allgemeinen 
Zeltung des Judentums vom 23. Januar 1903: „Was soll man 
dazu sagen, wenn Delitzsch behauptet, dass Jahve in der Bibel 
körperlich gedacht sei, weil er in der biblischen Sage vom Sünden- 
fall ,zur Abendzeit spazieren geht* und weil er ,bei Abraham 
Kalbsbraten speis f." Die Antwort auf diese Frage liegt nahe 
genug und kann nicht anders lauten, als dass es vor Gott und 
Menschen unverantwortlich ist, dem Gegner selbstausgeklügelte 
frivole Witzeleien unterzuschieben. 



— 65 — 

Immer und immer wieder ist in der bisherigen 
Babel und Bibel-Bewegung die alte, nie alternde Wahr- 
heit betont worden, dass Religion Herzensgemeinschaft 
mit Gott ist und darum unberührbar von den Ergeb- 
nissen der Wissenschaft. Die Wissenschaft muss fort- 
schreiten, täte sie es nicht, wäre sie tot. Wie viele 
Jahrhunderte hatte der Wahn geherrscht, dass das 
Hebräische die Ursprache der Menschheit sei, bis 
Leibniz aufstand, dies Vorurteil endgültig besiegte 
und „diesen gewaltigen Stein des Anstosses von der 
Schwelle der Sprachwissenschaft entfernte" ! In unsern 
Tagen geht ein neues, nie geahntes Licht für die 
Wissenschaft auf aus den Trümmerhügeln des baby- 
lonischen und assyrischen Reiches. Die grossen Kultur- 
völker begreifen die Mission, die der Gegenwart drüben 
am Euphrat und Tigris beschieden ift, und wetteifern in 
immer gesteigertem Masse, die begrabenen wissenschaft- 
lichen Schätze zu heben und fruchtbar zu machen. 
O möchte unser deutsches Volk in regster Mitarbeit auch 
nicht einen Augenblick erlahmen, vielmehr gleich den 
andern Nationen seine Tätigkeit steigern! Unsre An- 
schauungen vom alten Orient und ebenhiermit vom 
hebräischen Altertum werden von Grund aus umgestürzt 
und erneuert. Wem bringt es Schaden, wenn Babel, 
das verachtete, gehasste, in die Hölle ausgestossene, 
angemessen seinem schönen Namen „Pforte Gottes", 
wieder einen Platz erhält in Gottes grossem Weltenplan ; 
wenn der Morgenstern, dem Jesaias (14, 12) den baby- 
lonischen König vergleicht, nach Gottes Gerechtigkeit 
nicht länger „Lucifer" sein soll im Sinne des leibhaftigen 
gottfeindlichen Satans, sondern wahrhaft ein Licht- 
bringer, der Künder eines neuen Morgens in der Er- 
kenntnis von Gottes ewigem, uneingeschränktem Walten? 
„Wenn wir Genugtuung empfanden" — sagte ein englischer 

Delitzsch, Babel und Bibel. Rück- und Ausblick. 5 



— 66 — 

Geistlicher in einer viel Schönes enthaltenden Predigt über 
„Babel und Bibel" 16 ) — , „wenn wir Genugtuung em- 
pfanden über ein eingebildetes Monopol, dann sind 
diese Untersuchungen sehr aufregend ; aber wenn unsre 
Herzen in der Wahrheit leben, dann weiten sie sich und 
gewinnen grössere Gedanken über Gott". Dieses Ziel 
bleibt auch meinem Schlussvortrag gesteckt. 



peg-HRSgr) 



Anmerkungen 



!) G u n k e 1 s Leichenrede findet sich in der Täglichen Rund- 
schau vom 3. September 1903 und lautet: „Möge, so schliessen 
wir diese Leichenrede auf die Babel-Bibel-Bewegung, das Publikum 
von jetzt an den orientalistischen und besonders den biblischen 
Forschungen ein dauerndes Interesse schenken, und möge 
— das ist der Herzenswunsch aller beteiligten Forscher — unsrer 
Wissenschaft eine neue Sensation auf lange Jahrzehnte hinaus 
erspart bleiben!" Mit andern Worten: Es möge trotz aller ge- 
äusserten guten Vorsätze alles ruhig beim alten bleiben, und die 
Theologie in der behaglichen Stille innerhalb ihrer altehrwürdigen 
Klostermauern nicht abermals unliebsam gestört werden! 

2 ) S e 1 1 i n in Evangelische Kirchen- Zeitung für Oesterreich, 
vom 15. Juli 1903, S. 209. 
rep,(i 3 ) Charakteristisch für die Stellung vieler (?) Juden zur alt- 
testamentlichen „Offenbarung" — trotz der Leugnung einer Verbal- 
Offenbarung — scheinen mir die Worte Klausners (a. a. O., 
S. 16 f.): „, Hätte Aristoteles wirklich bewiesen, dass die Materie 
von Ewigkeit her besteht, so würde ich das. in die Thora hinein- 
interpretiert haben', ist ein Ausspruch Moses ben Maimon, der 
. deswegen von Eiferern manche Anfeindung erfuhr. Des grossen 
jüdischen Gelehrten Ausspruch ist gleichwohl berechtigt. Ist irgend 
etwas tatsächliche und unumstössliche Wahrheit, so kann es mit 
der Offenbarung nicht im Widerspruch, so muss es mit ihr ver- 
einbar sein, und die neue Wahrheit bildet nur eine Stufe zum 
richtigeren Verständnis der Offenbarung." 

4 ) Um mir nicht den Vorwurf zuzuziehen, als zitiere ich 
meine Kritiker nur da, wo sie für mich sind, sei hier absichtlich 



— 68 — 

die schwere Anklage abgedruckt, die Pfarrer Böhmer gegen 
mich erhebt (a. a. O., S. 372): „Gewiss, wir dürfen zusammen- 
fassend sagen : selten ist ein Angriff auf die Bibel und den Bibel- 
glauben in ungeschickterer Weise, mit unzulänglicheren Mitteln, 
am ungeeigneteren Orte, bei geringerer Aussicht auf Erfolg ge- 
macht worden als derjenige von Delitzschs erstem und namentlich 
zweitem Vortrag. Profan, frivol, verletzend, ärgernisgebend ist 
verfahren worden, ohne Not, ohne Anlass, unbegreiflich, un- 
berechtigt." Die Zukunft wird lehren, ob diese Worte im ganzen 
wie im einzelnen der Wahrheit entsprechen. — In Uebereinstim- 
mung übrigens mit den auf S. 9 ff. mitgeteilten Klagen deutscher 
Theologen stehen englische Stimmen, wie die folgende (The In- 
qulrer, June 13, 1903, p. 401): „Although Germany is teeming at 
the present day with first-rate theologlans, although there are 
liberal and practically Unitarian professors of theology at every 
universlty, in the schools the teaching of orthodox Christianity 
still prevailes, in the pulpits the Apostles' Creed is recited every 
Sunday , and the mass of the people is left utterly in 
the dark with regard to the progress made in the 
study of the Bible. There is Utile or no populär theological 
literature, fem, if any, devotional books, written in the liberal 
spirit, and no prayer books of a modern type." 

5 ) In der Unterhaltungsbeilage der Täglichen Rundschau 
vom 10. November 1903, S. 1056. 

6 ) Es dürfte sich dringend empfehlen, dass auch neutestament- 
liche Theologen, wenn sie zu diesen Fragen öffentlich das Wort 
ergreifen, dies nur auf Grund wirklicher Sachkenntnis tun. Ohne 
solche Sachkenntnis, die einzig und allein durch eindringliches 
Studium des Alten Testaments in dessen Grundsprache, 
durch Vergleichung der verwandten semitischen Literaturen und 
einiger Kenntnis des orientalischen Lebens, Sprechens und Denkens 
erworben werden kann, dürfte Zurückhaltung den Interessen der 
Theologie und der evangelischen Kirche am förderlichsten sein. 

"0 Man wird begierig sein zu hören, was denn die „weise 
Fügung Gottes" nach Budde bezweckte. Er fährt (a. a. O., S. 20) 
fort : „Wer daraus bisher noch nichts gelernt hat, der lerne es jetzt, 
dass die Bibel nicht darum Wort Gottes heisst und heissen darf, 



— 69 — 

weil Gott ihren Wortlaut diktiert hat, sondern weil wir Gott darin 
finden und vernehmen, wenn wir ihn ernstlich und von ganzem 
Herzen darin suchen." Ich gestehe offen, dass ich diesen Worten, 
bei denen es sich doch um Hoheslied und Prediger handelt, keinen 
Sinn abzugewinnen vermag. 

8 ) Vergl. auch S ellin (a. a. O., S. 212): „Betonen wir immer 
wieder, dass der alttestamentliche Gottesglaube, wie er sich 
schliesslich gestaltet hat, auf sonst unerreichter Höhe in 
der ganzen vorchristlichen Religionsgeschichte dasteht." 

9) Vergl. Budde, Was soll die Gemeinde aus dem Streit 
um Babel und Bibel lernen? S. 28 f.: „Mose blieb in des Volkes 
Bewusstsein für alle Zeiten sein einziger Gesetzgeber . . . Alles 
neue Recht erhielt nur durch den Namen Mose's seine dauernde 
Gültigkeit . . . Wir müssen es als eine glückliche Fügung preisen, 
dass uns dafür ein Beweis zu Gebote steht. In 1 Sa. 30, 23 f. 
führt David bei Gelegenheit des Amalekiterfeldzugs eine neue 
Bestimmung ein, nämlich gleiche Verteilung der Kriegsbeute unter 
die Kämpfenden und die untätige Nachhut: „So geschah es von 
jenem Tage an: er erhob es zu Satzung und Recht für Israel bis 
auf den heutigen Tag." Hier ist also David Gesetzgeber. Der 
spätere Erzähler im 4. Buch Mose 31, 25 ff. lässt dasselbe Gesetz, 
nur noch weiter durchgebildet und mit besonderer Fürsorge für 
das Heiligtum, vom Gotte Israels Mose und durch diesen dem 
Volke in der Wüste geboten werden, so dass es schon bei der 
Eroberung Kanaans müsste in Anwendung gekommen sein. Dem 
Geschichtsforscher ist das nichts Neues. Ganz ebenso blieb Solon 
für den Athener der Gesetzgeber auch für solche Gesetze, die 
nachweislich lange nach ihm geschaffen wurden, ebenso Lykurg 
in Sparta, und dasselbe lässt sich auch anderswo verfolgen. Es 
zeugt von argem Mangel an Verständnis, wenn man das als 
Fälschung brandmarken und sich darum der Anerkennung der 
Tatsachen entziehen will". 

io) Sellin (a. a. O., S. 210) sagt: „Die Theologie von heute 
vertritt einstimmig den Gedanken einer allmählich geschichtlich 
fortschreitenden, sich der kulturellen und geistigen Entwicklung 
der Menschheit, speziell Israels, anpassenden göttlichen Offen- 
barung, einer Offenbarung, die daher verschiedene Stufen und 



— 70 — 

Höhenlagen, relative Widersprüche, Selbstkorrekturen, Entlehnungen 
von Ideen und Institutionen aus andern Völkern schlechterdings 
nicht aus-, sondern einschliesst." Das heisst also doch wohl: die 
göttliche Offenbarung geht die Wege der natürlichen und geschicht- 
lichen Evolution. Aber wie reimt sich hiermit fast unmittelbar 
hernach (S. 211) das Wort: „Offenbarung oder Evolutionismus 
— tertium non datur" ? 

n ) G u n k e 1 (in Tägliche Rundschau vom 10. November 1903) 
rühmt Bezolds „offenes Bekenntnis, dass in der Frage nach der 
, Offenbarung' der Assyriologe überhaupt keine Stimme hat, 
sondern sich einer Antwort darauf enthalten muss". Also in 
einer Frage, mit deren Beantwortung nach Seilin (a. a.O., S. 211) 
„der Glaube an einen lebendigen Gott und ebenso jede kirchliche 
Gemeinschaft steht und fällt", sollen alle Denkenden nur denken 
und glauben, was Gunkel oder sonst ein beliebiger Theologe 
denkt und glaubt. Zu solchem Kadavergehorsam gebe ich mich 
allerdings nicht preis. 

12 ) Es finde hier ein Wort der Entschuldigung seinen Platz, 
dass ich für viele Zusendungen und Zuschriften von jüdischer 
Seite nicht, wie sich's gebührt, gedankt habe. Ich hatte dies 
anfangs getan, aber seitdem Herr Distriktsrabbiner Dr. S. Meyer 
in Regensburg meinen höflichen Dankesbrief veröffentlichte und 
sogar auf den Titel seiner Gegenschrift (I. Heft) die Worte setzte : 
„Mit einem Briefe des Herrn Professor Friedrich Delitzsch an den 
Verfasser", hielt ich grössere Zurückhaltung für geboten. Es sei 
mir gestattet, an diesem Orte für alle Zusendungen verbindlichst 
zu danken. 

13 ) Vergl. auch Eduard Meyer, Geschichte des Altertums 
I, 1884, S. 398: „In Aegypten und Indien entwickelt sich der 
Monotheismus aus pantheistischen Spekulationen und aus dem 
Bedürfnis, die Machtsphären der einzelnen Gottheiten auszugleichen, 
sie zu verschmelzen, und ist daher ein theologisches Mysterium ; 
in Hellas ist er das Ergebnis philosophischen Denkens; aber in 
Israel — und ähnlich später in Arabien — beruht er auf dem 
Prinzip der Exklusivität. Daher tritt er hier zunächst rein 
negativ auf; die Götter verschmelzen weder zu einer allumfassenden 
höchsten Einheit, noch verschwinden sie als Phantasiegebilde vor 



— 71 — 

einer philosophischen Idee, sondern ihnen allen wird ihr Recht 
auf Verehrung (und in einem späteren Stadium ihre Existenz) be- 
stritten bis auf Einen. Der Begriff der Persönlichkeit wird daher 
nicht aufgehoben, sondern weit schroffer herausgebildet, und 
darauf beruht es, dass hier die monotheistischen Ideen in die 
Volksreligion eindringen und sie vollkommen umgestalten konnten, 
während sie überall sonst immer theologische oder philosophische 
Spekulationen geblieben sind." Und in einer Anmerkung heisst 
es weiter: „Die gangbare Auffassung, dass der israelitische Mono- 
theismus — dem man dann die christlich-theologischen, zum 
grossen Teil auf griechischen Ideen beruhenden Anschauungen 
unterschiebt — etwas Einzigartiges und religiös besonders Hoch- 
stehendes sei, ist irrig. Seine Bedeutung besteht darin, dass er 
Volksreligion werden konnte." 

14 ) Vergl. Budde, Was soll die Gemeinde etc., S. 28: „Das 
Israel der Folgezeit will freilich nichts davon wissen, dass es nach 
der ersten Offenbarung seines Gottes noch weiterer und höherer 
bedurft hätte. Ihm ist Mose, der Gesetzgeber, zugleich Anfang 
und Ende." S. 29: „So verknöcherte das pharisäische Judentum 
in äusserer Gesetzeserfüllung, rühmte sich Abraham zum Vater 
zu haben und verschlief die Stunde, da in Jesu Christo der 
Bräutigam Einzug hielt." 

15 ) Vergl. Gunkel, Israel und Babylonien, S. 12: „Baby- 
lonisch ist die auffallende Vorliebe der israelitischen Kultur, auch 
der Literatur für bestimmte Zahlen, z. B. die Zahlen Sieben und 
Zwölf, eine Vorliebe, die sich in Babylonien daraus erklärt, dass 
für bestimmte Sterngötter bestimmte Zahlen charakteristisch sind. 
Und selbst die Neigung Israels, literarische Stücke nach diesen 
Zahlen zu gruppieren, ist für Babylonien bezeugt: das grosse 
babylonische Schöpfungsepos war auf sieben Tafeln geschrieben 
und das Nationalepos von Gilgamesch auf zwölf." 

16 ) Gemeint ist die Predigt eines Bradforder Predigers der 
Nonkonformisten-Gemeinde namens Rhondda Williams. Der 
Vortrag wurde von Pfarrer Lic. theol. T a u b e in Peine ins Deutsche 
übersetzt und in Kirchliche Gegenwart (Gemeindeblatt für Hannover), 
2. Jahrgang Nr. 7 (erste April-Nr. 1903) veröffentlicht. 



Anhang 



Aus J. E. Frhrn. von Grotthuss' Kaiser und Bekenner 
(Der Türmer, April 1903): 

So ist denn des Kaisers bedächtige Mahnung, die Erörterung 
solcher neuer Thesen zunächst auf den Kreis der Fachgenossen 
zu beschränken, an sich nicht unbegründet. In die breite Oeffent- 
lichkeit getragen, dazu von der Autorität der „Wissenschaft" ge- 
deckt, können unausgegorene Theoreme nur Verwirrung stiften und 
die Gemüter in Ueberzeugungen wankend machen, in denen sie 
bisher Glück und Frieden fanden, und die vielleicht in ihrer Art 
doch noch fester gegründet waren, als die vermeintlichen neuen 
Wahrheiten. In Wirklichkeit hat ja des Kaisers Brief das Gegen- 
teil seiner Mahnung erzielt, insofern die Frage nun erst recht die 
weiteste Oeffentlichkeit beschäftigt. Aber auch das hat sein Gutes, 
denn es ist dem Volke heilsam, wenn sein Blick von den nüchternen 
Alltagsinteressen abgelenkt und zu höheren Dingen emporgerichtet 
wird. Dass es aber wieder das deutsche Volkstum ist, das mit 
solcher Wärme in die Bewegung über die höchsten Fragen der 
Menschheit eintritt, und dass es gerade der deutsche Kaiser ist, 
der sich sozusagen an die Spitze dieser Bewegung stellt, kann 
deutsche Herzen nur höher schlagen lassen. Hier hat sich der 
Kaiser mit seinem Volke im innersten Heiligtum der Volksseele 
gefunden, hier verstehen sie einander im Tiefsten. Denn es war 
immer deutsche Art, den höchsten Fragen nachzusinnen und die 
höchsten Kämpfe auszukämpfen, indes die andern ihren Geschäften 
nachgingen. Es hat uns das manche schweren Opfer an äusseren 
Gütern gekostet, und doch wären wir ohne das nicht, was wir 
sind — : Deutsche. Denn „deutsch sein heisst, eine Sache um 



- 73 - 

ihrer selbst willen tun", und welche Sache könnte mehr um ihrer 
selbst willen getan werden, als die Sache der Wahrheit und der 
höchsten Menschheitsideale? 

Das grosse Interesse an den Delitzschschen Vorträgen erklärt 
sich, abgesehen vom Hervortreten des Kaisers, weniger durch das 
Neue, das sie etwa ans Licht gefördert haben, als durch alte 
Zweiflerfragen, die durch sie wieder in Fluss gebracht worden 
sind. Und da trifft die Sonde des Gelehrten manchen empfind- 
lichen, wunden Punkt, den man in gewissen Kreisen nicht gern 
berührt sieht. 

(Folgt der Abdruck mehrerer Stellen sowie des ganzen Schlussteils des 
zweiten Vortrags.) 

Man muss sich doch diesen Wortlaut vor Augen halten, um 
gerecht zu sein und dem Prof. Delitzsch nicht Absichten und Behaup- 
tungen unterzuschieben, wie etwa, dass er das ganze Alte Testament 
oder gar die „Bibel" in Bausch und Bogen verwerfen wolle. Man wird 
auch, ohne sich deshalb alle Folgerungen Delitzschs zu eigen zu 
machen, zugeben müssen, dass seine Geschosse manche brüchige 
Stelle treffen. Es hilft nun einmal nicht: der Gottesbegriff und 
die daraus fliessende Sittlichkeit der alten Juden sind in ganz 
wesentlichen, ja entscheidenden Grundsätzen nicht 
nur nicht die unsrigen, sondern diesen auch direkt entgegengesetzt^ 
nd alle Versuche, diese Gegensätz e zwischen einer n ^io nal und / 
effois flscjl» beschränkten Gottesverehrung ung der reinen An- 
schauung und Ewigkeitslehre Jesu künstlich aufzulösen oder zu 



rn 



verschmelzen, können nur auf Kosten der höheren und höchsten 
Religion, also des christlichen Glaubens und der christlichen 
^Sittlichkeit unternommen werden. Das müssen wir wohl im Auge' 
behalten; die Gefahr, die aus solchen Versuchen unzähligen, ehr- 
lich ringenden Seelen erwächst, ist grösser, als man glauben mag. 
Persönlich muss ich aufrichtig gestehen: ich könnte mich nicht 
zum Christentum bekennen, wenn ich mir jenes Gegensatzes nicht 
bewusst wäre, wenn ich nicht tief innerlich fühlte und wüsste, dass 
die Gottesanschauung und Lehre Jesu so unendlich hoch und 
erhaben über dem Durchschnitt des Alten Testamentes steht, dass 
man sich versucht fühlen könnte, sie in einer Reihe der wichtigsten 
Seelenfragen als von diesem Durchschnitt w es ens verschieden, 
nicht nur stufenweise verschieden, zu bezeichnen. Deshalb 



Vrt 



— 74 — 

brauchen die ehrwürdigen Bücher nichts an ihrer verdienten 
Hoheit und Würde einzubüssen, und für den kindischen Spott un- 
reifer und oberflächlicher Geister sind sie in alle Ewigkeit zu 
schade. Wo ihre Gipfel am höchsten ragen, an ihren schönsten 
und erhabensten Stellen, da tauchen auch sie in das unendliche 
Blau des Himmels, da glänzen auch sie im Firnenlicht ewiger 
Weisheit und Wahrheit. Und dann sind auch sie — Offenbarung. 
Christus aber ist überall Offenbarung und Gipfel, Weg und Wahr- 
heit, frei von Irrtum und Sünde . . . 

Wohl sind Altes und Neues Testament an einem Baume 
gewachsen, an dem uralten Baume ewiger göttlicher Offenbarung, 
die zu allen Zeiten und in allen Welten und Wesen des Alls ge- 
wirkt hat und wirkt und ganz gewiss nicht allein bei den alten 
Juden. Wir brauchen noch keinem verschwommenen Pantheismus 
zu huldigen und die wahrhaftige und lebendige Persönlichkeit 
Gottes in einen Weltennebel aufzulösen, wenn wir auch das Wirken 
Gottes nicht auf unsre kleine Erde und deren mühselige Bewohner 
oder gar auf einen einzelnen Menschenstamm beschränken. Wohl 
ist Christus gekommen, zu erfüllen, nicht aufzulösen, aber diese 
Erfüllung bedeutet doch eben den Abschluss einer weltgeschicht- 
lichen Epoche und den Beginn einer neuen. Niemand füllt neuen 
Wein in alte Schläuche — : der das tadelte, hat es doch gewiss 
selbst nicht getan. Er hat auch nicht versucht, den dürren, ab- 
gestorbenen Aesten des alten Baumes neue Blätter, Blüten und 
Früchte zu entlocken, sondern er hat die verdorrten mit scharfer 
Axt abgehauen, damit aus dem alten Baume neues Leben spriesse. 
Und wahrlich: wenn es in der Bergpredigt Vers um Vers lautet: 

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wird i ch aber sage 

euch", so ist uns, als hörten wir Schlag auf Schlag die blitzende 
Axt erklingen und die dürren Zweige niederrauschen und sähen 
herrliche neue wachsen, triefend von Blüten und Früchten gött- 
lichen Segens und ewigen Lebens. 

Wie steht nun der Kaiser zu dieser Frage? Auch er hat 
sich der Erkenntnis nicht verschliessen können, dass die alten 
Massstäbe für das Alte Testament heute doch nicht mehr aus- 
reichen. „Es versteht sich für mich von selbst," schreibt er, „dass 
das Alte Testament eine grosse Anzahl von Abschnitten enthält, 



— 75 — 

welche rein menschlich historischer Natur sind und nicht , Gottes 
geoffenbartes Wort'. Es sind rein historische Schilderungen von 
Vorgängen aller Art, welche sich in dem Leben des Volkes Israel 
auf politischem, religiösem, sittlichem und geistigem Gebiet des 
Volkes vollziehen." Und weiter unten: „. . . auch dass dadurch 
viel vom Nimbus des auserwählten Volks verloren geht, schadet 
nichts". 

Es schadet wirklich nichts! Vielmehr schaden die wohl- 
gemeinten, aber aussichtslosen Versuche, zu retten, was nicht zu 
retten ist, und, um die Wagschalen beider Testamente ins Gleich- 
gewicht zu bringen, das Neue künstlich mit Ballast aus dem Alten 
zu beschweren. Das Schifflein Jesu kann diese irdischen Gewichte 
nicht mit sich führen — es „bleibt ein Erdenrest, zu tragen pein- 
lich"! Nur unbeschwert von allem menschlichen Ballast kann es 
durch den reinen Aether ins blaue Licht seliger Fernen segeln." 




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